Die Frage, im spröden Parlamentarierdeutsch von der SPD-Opposition verfaßt, klingt unschuldig: „Welche der Wohnungsforschungsinstitute haben wann darauf hingewiesen, daß eine Wohnungsknappheit entstehen würde, und wie bewertet die Bundesregierung Aussagen, die Wohnungsnot sei erst seit zwei Jahren absehbar gewesen?“ Es geht um Schuld: War die Wohnungsnot vorhersehbar? Hätte sie verhindert werden können?

Die Antwort aus dem Bauministerium könnte von Radio Eriwan stammen: Im Prinzip ja, daß heißt vielleicht, konkret nein, uns trifft jedenfalls keine Schuld. „Weder die hohen Zuwanderungen noch die einkommensbedingte Mehrnachfrage nach Wohnraum wurden von den Forschungsinstituten vorhergesehen.“

Das ist nur die halbe Wahrheit. Daß mit Beginn der achtziger Jahre die geburtenstarken Jahrgänge auf den Wohnungsmarkt drängen würden, war schon zehn Jahre zuvor absehbar. Daß zudem immer mehr Menschen allein leben und Wohnungen beanspruchen, in denen früher vielleicht zwei oder drei Personen gelebt haben, ist kein neues Phänomen, sondern eine Konstante in der Geschichte der Bundesrepublik. Pro Kopf und Jahr hat jeder Bürger im Schnitt fast einen halben Quadratmeter mehr Platz. Allein um das aufzufangen, müßte jedes Jahr der Wohnraum einer Millionenstadt wie Köln aus dem Boden gestampft werden.

Wichtigster Faktor aber ist die Einkommensentwicklung. Durch den Boom der achtziger Jahre konnten sich Gutverdienende kräftig ausbreiten. Weil der Neubau die „Wohlstandsnachfrage“ nicht bedienen konnte, mußten jene, an denen die Konjunktur mehr oder minder spurlos vorübergegangen ist, zusammenrücken.

Demographische, soziologische und ökonomische Faktoren ließen spätestens ab Mitte der achtziger Jahre Mangel an Wohnraum ahnen, aber die Signale wurden verkannt. Hartmut Arras, der für die Prognos AG Gutachten über den deutschen Wohnungsmarkt geschrieben hat, wundert sich noch heute, „wie wenig vorhandenes Material für einen Lernprozeß“ genutzt wurde. Sein Fazit: „Das war politische Trunkenheit am Steuer.“

Nicht vorhersehbar waren die Millionen Aus- und Übersiedler, mit denen der Mangel zur krassen Not wurde. Derzeit werden fast täglich neue Zahlen über den Wohnungsbedarf verbreitet. Der Deutsche Mieterbund glaubt wie die SPD, daß hierzulande etwa 2,7 Millionen Wohnungen fehlen. T. B.