Der letzte Mensch auf der Bühne ist Kohl. Wenn endlich, nach zweieinhalb Stunden, das Licht über der zertrümmerten Szene erlischt, leuchtet der Bundeskanzler weiter. Auf einem Fernsehschirm, vor einem großen, frühlingsbunten Blumenstrauße sitzend, eine offenbar endlose Ansprache haltend, an uns, das liebe Vaterland. Dann wird auch der Kanzler ausgeschaltet, und dann erst ist wirklich Schluß; wird der Zuschauer aus der Berliner Volksbühne, aus der Kunst-Haft, aus der Theater-Folter entlassen. Draußen vor der Theatertür schneit es. Freiheit!

Der letzte Mensch auf der Bühne ist immer der Sieger. Wie Fortinbras im "Hamlet", der auftritt und die Macht ergreift, wenn die Leichenberge sich türmen.

Von Kohl lernen, hat Frank Castorf neulich in einem Interview erklärt, heißt siegen lernen. Jetzt hat er es geschafft. Seine brandneue Inszenierung, eine Bühnenversion von Anthony Burgess’ Roman "Clockwork Orange", ist etwa genauso unterhaltsam, so geistvoll und so provokativ wie eine Ansprache des Bundeskanzlers. Wenn Castorf nicht aufpaßt, wird man seine Inszenierungen demnächst genauso unbemerkt vertauschen können wie seinerzeit die legendäre Weihnachtsrede Helmut Kohls. Alles egal, ist sowieso jedesmal dasselbe. Daß diesmal auf der Castorf-Bühne allerdings keine Kohlköpfe gekocht und zermanscht wurden, hat die Wonnen der Wiederholung und des Wiedersehens doch ein wenig getrübt. Aber sonst waren wir natürlich restlos glücklich.

Im Jahr 1971 hat Stanley Kubrick einen Film nach dem Roman von Burgess gedreht – das ist, auch über zwanzig Jahre später und nicht im Kino, sondern auf Video besichtigt, noch immer ein Haupt- und Meisterwerk der Finsternis. Der Regisseur als Rachegott, der Film als Jüngstes Gericht – und begnadigt, gerettet wird keiner!

Und über allen Schlachtfeldern und Kadavern jubiliert höhnisch die Musik. Zu Rossinis übermütigem Ouvertüren-Geschnatter wird geprügelt, vergewaltigt und in die Eier getreten. Zum Freudengesang von Beethovens Schlußchor wird gröblich gevögelt, gewürgt und gekotzt. Die Gewalt eine Droge, der Haß ein grandioser Spaß – und die jugendlichen Schläger in ihren grellweißen Kostümen so etwas wie die Erzengel des Terrors.

Man muß sich an Kubricks Große Apokalypse erinnern, um Castorfs Berliner Bemühung in ihrer tatsächlichen Größe zu ermessen: Kein Jüngster Tag bricht auf der Bühne an, sondern bloß eine heillos verkrampfte Horrorshow; und der Regisseur ist vom Rachegott zum lärmenden Halbstarken geschrumpft. Es ist ein Elend, doch es hat Methode. Ein Elend, von Frank Castorfs treuer Gemeinde blind bejubelt, von Frank Castorfs Feinden längst gemieden, betrauert wohl nur noch von den wirklichen, daß heißt auch zweifelnden, noch zu enttäuschenden Liebhabern seiner schamlosen Kunst.

Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz ist schnell, schon im ersten Jahr von Castorfs Regime, so etwas geworden wie das Heiligtum, das Festspielhaus, das Bayreuth des Großen Anti-Kohl (denn Erich, der Honecker, er kommt nicht wieder, schluchz). Aber nicht der frische Windzug der Rebellion weht nun durchs Theatergemäuer, sondern das stickige Lüftchen des Bunkers. Irgend jemand müßte nun irgendwann irgendein Fenster aufmachen, und das kann nur Castorf selber sein.