Von Petra Kipphoff

Der Wettbewerb und die Sottisen gehen weiter, postum. Knapp 900 000 Besucher hatte die große Matisse-Retrospektive, die Anfang Februar im New Yorker Museum of Modern Art zu Ende ging. Aber 1,1 Millionen Besucher waren es bei der Picasso-Ausstellung gewesen, für die das Museum im Jahr 1980 das ganze Haus ausgeräumt hatte. Knapper Sieg für Picasso.

So war es immer gewesen. Die Künstler mit dem doppelten s im Namen seien schließlich alle etwas Besonderes, hatte Picasso scheinheilig gemeint und Matisse, Poussin, Rousseau als Ehrenmitglieder im Club des scharfen s akzeptiert. "Nur Picassso kann sich alles erlauben. Er kann alles verwirren. Entstellen, verstümmeln, zerstückeln. Er ist immer, er bleibt immer im Recht", sagte Matisse, nicht ohne klagenden Unterton. "Deshalb allein zum Beispiel ist Matisse Matisse: weil er die Sonne im Leib hat", fand Picasso, nicht ohne wohlmeinende Herablassung. "Die Malerei ist nicht dazu da, Wohnungen zu schmücken. Sie ist eine Angriffs- und Verteidigungswaffe", sagte Picasso 1945 in einem Interview in Lettres franqaises. "Ein Gemälde an der Wand sollte wie ein Blumenstrauß im Zimmer sein", sagte Matisse ein paar Monate später in der gleichen Zeitschrift.

Waffe und Blumenstrauß, deutlicher geht es nicht. Daß auch der Blumenstrauß über sich und das Zimmer, in dem er steht, hinauswachsen und zusammen mit einem Fenster ins Blaue, einem gerafften Vorhang, einer Aubergine oder Odaliske einer Bordüre oder einer rankenden Kapuzinerkresse ein Paradies komplettieren kann, von dem Fleurop-Kunden keine Ahnung haben, auch das lehrt die vergangene Woche eröffnete Pariser Matisse-Ausstellung, die sich mit gutem Grund auf die Jahre 1904 bis 1917 konzentriert. Es sind die Jahre, in denen Matisse, der als Student vor der Salonmalerei eines Bougereau in das Atelier des Symbolisten Gustave Moreau geflohen war, alles das fand, was er ein Leben lang brauchte. Denn, und auch in diesem Punkt ist Verlaß auf die Antipoden, wo Picassos proteische Künstlerbiographie in einer Folge abgeschlossener Kapitel und quasi im dauernden Widerspruch zu sich selber verläuft, da gibt es von Matisse nur eine Geschichte. Es ist die Geschichte der Farbe. Und der Lust. Und der Harmonie. Mit anderen Worten: die Geschichte vom Paradies.

Dieses Paradies aber ist nicht einfach vorhanden. Denn Matisse malte, wie der englische Kunsthistoriker Lawrence Gowing einmal sagte, nicht die Gegenstände, sondern ihre Wirkung. Es muß also geschaffen werden. Immer wieder. Und zwar nicht mal kubistisch und mal surrealistisch. sondern immer in der einen Absicht, mit der Farbe die innere Balance der Dinge sichtbar zu machen. Er sei, sagte Matisse in einer 1952, zwei Jahre vor seinem Tod erschienenen Publikation, von der Zeit der Entstehung des Bildes "La joie de vivre" (1905/6) bis zu seinem 82. Jahr immer derselbe geblieben, weil er "immer nach denselben Dingen gesucht", auch wenn er sie "mit unterschiedlichen Mitteln realisiert" habe.

"Luxe, calme et volupté" heißt das erste Bild von Matisse, mit dem er, der das Malen erst nach einem abgeschlossenen Jurastudium und während der Genesung von einer Operation entdeckte, in die Geschichte und die Geschichten der Kunst verwickelt wurde. Das Bild entstand 1904 in St. Tropez, als Matisse versuchte, frei nach der Lehre von Signac, Licht und Farbe mit den Mitteln des Pointiiiismus zu einer Erfahrung im Akt des Sehens zu machen. "Luxus, Ruhe und Wollust", eine in Farb- und Lichtpunkte zerlegt mediterrane Pastorale am Strand mit neuzeitlicher Picknick-Ausstattung, war ein Anfang und ein Abschied. Signac war von dem Bild begeistert, kaufte es und trennte sich nie wieder von dem Besitz, dafür aber ein Jahr später von dem Freund, der sich inzwischen mit dem Bild "La joie de vivre" vom Pointiiiismus und seinen doch eher zerebralen Theorien schon wieder verabschiedet hatte. "Matisse", schreibt Signac an einen Freund, nachdem er "Die Lebensfreude" gesehen hat, "dessen Experimente mir bisher gefielen, scheint vor die Hunde gegangen zu sein. Auf einer Leinwand von etwa zweieinhalb Metern umgab er ein paar seltsame Gestalten mit einer daumendicken Linie. Dann überzog er das Ganze mit klar definierten Farbtönen, die, wie rein sie auch sein mögen, widerwärtig scheinen..."

Widerwärtig aber hätte Signac auch schon das Bild "La fenêtre ouverte" finden können, das im Sommer 1905 in Collioure entstand: Es ist, als hätte Matisse bei diesem Blick durch die rot umrandeten, geöffneten Fensterflügel und über einen blumentopfbesetzten Balkon hinweg auf das Wasser und ein paar bunte Segelboote auch tief durchgeatmet. Weg mit den getupften Theorien! Statt dessen Streifen, Wellenlinien, Blöcke, Inseln von Farbe. Er sei wohl "unter die Wilden" geraten, meinte der Kritiker Louis Vauxelles 1905, als er beim Rundgang durch den Salon d’Automne die Arbeiten von Derain und Marquet, Manguin und Vlaminck und die provokativ bunt und unorthodox gemalten Sommerbilder aus Collioure von Matisse sah. Nur ein Jahr später gehörte der Matisse der "Lebensfreude" aber auch nicht mehr zu den Fauves. Er gehörte überhaupt nicht mehr ins Schlachtenpanorama der Moderne, sondern nur noch sich selber. Und Cézanne. Von dessen kleinem Bild "Drei Badende", das er als Kunststudent bei Vollard gekauft hatte, trennte er sich ein Leben lang so wenig, wie Signac seinen Matisse hergab. Und bereits 1908 publizierte Matisse die "Notes d’un peintre", keine Theorie der Malerei, sondern eine Praxis des Malens. Das war’s.