Von Rino Sanders

Am Anfang unseres auslaufenden Jahrhunderts breitete sich, so wissen wir’s von Freud, in Europa ein grenzüberschreitendes „Unbehagen in der Kultur“ aus. Die rasch wachsende Industrie begann, den Alltag der Menschen mit genormten Produkten zu uniformieren. Das Handwerk ging unter. Die Kunst wurde in der Quarantäne der Museen isoliert. Aber der ewig mysteriöse Zeitgeist stand denen bei, die sich mit dieser sterilen Situation nicht abfinden mochten.

Das Aufbegehren gegen den Zeitgeist hatte von Land zu Land eigene Namen, so verwandt die Konzeption auch war: in England „Art and Craft“, in Frankreich „Art nouveau“, in Deutschland und Umgebung „Jugendstil“ zunächst und dann „Art déco“. Gemeinsam war allen das Bestreben, das Dasein der Menschen durch angewandte Kunst aus grauer Monotonie zu befreien, und zwar, um mit dem Bauhäusler Walter Gropius zu reden, „vom Löffel bis zur Stadt“.

Die gelegentlich gern lautstarken Italiener meinten dasselbe, aber mit Pathos. „Futurismus“ hieß der vom Dichter Filippo Tommaso Marinetti erfundene Slogan intellektueller Absage an alles bisher Gültige. In einem zündenden Manifest von 1909 forderte er die Vernichtung der Bibliotheken und Museen, die radikale Abkehr von der Vergangenheit und ihren Produkten. Mit Verve und vielen Worten gewann er die begabtesten Künstler für seine Vision des Künftigen: Giacomo Balla, Umberto Boccioni, Gino Severini, auch Carlo Carrà, Luigi Russolo und Enrico Prampolini. Ihre Namen findet man unter den diversen Manifesten, mit denen der nimmermüde Marinetti die Zukunft in Anspruch nahm. Und auch den jenes Künstlers, von dem hier die Rede ist: Fortunato Depero.

Die Futuristen wollten die vorhandene Welt nicht verbessern, sondern sie neu schaffen. Der Krieg erschien ihnen als das große, begrüßenswerte Ereignis, in dem eine zu Ende gelebte Epoche in Stahlgewittern unterging.

Nun konnte man ohne Ballast ins Futur stürmen, in eine damals noch überwiegend stahlorientierte Maschinenwelt, deren rauschhafte Werte Energie und Geschwindigkeit, Dynamik und Simultaneität waren. Kraftwerke, Lokomotiven, Automobile und Aeroplane wurden zu Ikonen dieser technikgläubigen Jahre. Von Fortunato Depero, einem der eigenwilligsten und anregendsten Unterzeichner jener Pamphlete, finden sich in den einschlägigen Lexika nur spärliche Spuren. Liegt es daran, daß er, obwohl er in Rom, Capri, Mailand, Paris und New York gearbeitet und ausgestellt hat, seinen Stammsitz, seine Bottega, sein „Casa d’Arte“, in einer kulturellen Randzone im Norden Italiens lebenslang beibehielt? Oder daß er die nicht museumsorientierte angewandte Kunst mit ihrem eingebauten Verschleiß zur Kunst schlechthin erklärte?

Seine heute wohlhabende Heimatstadt ist das trientinische Rovereto (35 000 Einwohner) an der Vogelfluglinie vom Brenner gen Süden. Zu seinem hundertsten Geburtstag (1992) widmete sie ihm im gerade fertig gewordenen Trakt des in eine Altstadtgasse eingepaßten, innen überraschend großzügigen und eleganten Museo d’Arte Moderna e Contemporanea di Trento e Rovereto (kurz MART) eine umfassende, reichhaltig dokumentierte Ausstellung: „La Casa del Mago. Die angewandten Künste im Werk Fortunato Deperos“.