Politische Patentrezepte, ideologische wie scheinbar praktische, wurden in diesem Jahrhundert genug angeboten; sie endeten – selbst dort, wo die Völker „die Signale“ gutgläubig hörten und nicht nur blind gehorchten – allemal mit Katastrophen. Da wird es verständlich, daß den gebrannten Kindern der Epoche das Spiel mit dem Feuer, auch wenn es die reinsten Leuchtfeuer wären, verleidet ist. Und daß sie zunächst einmal nur gründlich nachzudenken versuchen.

Frucht einer solchen Reflexion ist dieser Essay des vierzigjährigen deutschen Schriftstellers aus dem rumänischen Banat, der dort zum Kreis literarischer und politischer Dissidenten gehörte, bevor er vor fünf Jahren, also noch vor der Wende, nach Berlin zog. So bestimmen Nähe und Distanz seine Sicht. 1990 war für Wagner das Jahr der Ernüchterung, 1991 das Jahr der Enttäuschungen, ja – so sagt er – „die Grunderfahrung des Postsozialismus ist das Chaos“.

Die Orientierungsschwierigkeiten, die sich daraus ergeben, spiegeln sich in diesem Buch. Auch wenn der Autor sich über mangelhafte Aufarbeitung des Kommunismus beklagt – er selbst bemüht sich nicht um eine systematische Analyse. Ihm geht es darum, ein Kaleidoskop der Probleme vor und nach der Wende auszubreiten. Dabei gewinnt er manche Erkenntnis. Ihre Vermittlung an den Leser wird zuweilen durch vorschnelle Urteile behindert. So meint Wagner, die Debatte über kommunistische Verbrechen sei „überall (!) erstaunlich kurzlebig“ – als ob die Historikerzunft nicht dabei wäre – gefolgt von der Justiz –, die geöffneten Archive zu sichten!

Wagner anerkennt, daß die Helsinki-Schlußakte der KSZE den osteuropäischen Dissidenten eine erste internationale Legitimation verschaffte. Zugleich aber vermutet er, daß die KSZE und die Kredite für Polen und die DDR das Leben des Kommunissmus verlängert haben – als ob nicht erst westliche Entspannungspolitk die ideologische und wirtschaftliche Brüchigkeit der Regime bloßgestellt, sie ihres Feindbildes (als Alibi) beraubt hätte!

Mühsamer noch als der Umgang mit der Vergangenheit wird freilich die Bewältigung der Gegenwart. Wagner weist darauf hin, daß Osteuropa auch vor seiner Sowjetisierung „keine idyllische Zone“ war. In der gegenwärtigen Verwirrung hält er die nationalstaatliche Emanzipation der osteuropäischen Völker für ein „notwendiges Durchgangsstadium“. Wohin? Zur demokratischen Konsolidierung unter „gesamteuropäischer Kontrolle“, denn „nur von außen“ könne der Prozeß garantiert werden. Aber wie und – konkret – von wem? Der Autor gibt vielerlei Hinweise – so etwa, daß die Menschen im Osten bereit sein müßten, „ihren Status der Armut“ anzunehmen, und daß der deutsche Einfluß keine „imperialen Züge“ annehmen dürfe. „Die“ Lösung zu wissen, beansprucht Wagner nicht. Weil er wohl weiß, daß die wirklichen Probleme dort anfangen, wo sein Buch endet, empfiehlt er zum Schluß „Gelassenheit, die niemals in Gleichgültigkeit münden darf“. Hansjakob Stehle

  • Richard Wagner:

Völker ohne Signale

Zum Epochenbruch in Osteuropa; Rotbuch Verlag, Berlin 1992; 132 S., 15,– DM