Von Mario Müller

Offenbach ist alles andere als eine Attraktion: eine mit häßlichen Hochhäusern verschandelte Innenstadt, die übliche, lieblos gestaltete Fußgängerzone, das Mainufer als Parkplatz zubetoniert, notdürftig geflickte Straßen, triste Fassaden. Die Baustelle des S-Bahn-Tunnels zerschneidet die Stadt in ganzer Länge.

Dennoch übt die Frankfurter Nachbargemeinde gegenwärtig eine starke Anziehungskraft aus. Immer häufiger sagen sich kommunale Finanzexperten aus dem In- und Ausland zum Besuch an. Sie wollen vor Ort in Augenschein nehmen, was als „Modell Offenbach“ für Aufsehen sorgt: der Versuch des schwarz-roten Magistrats, die Stadt mit einer Mixtur aus rigorosem Sparprogramm, massivem Stellenabbau und einer Reform der öffentlichen Verwaltung vor der Pleite zu retten.

In den finanziellen Schlamassel geriet Offenbach auf die gleiche schleichende Weise wie viele andere bundesdeutsche Kommunen auch. Ursache war das typische Gemenge aus privater Anspruchshaltung und politischem Versagen, aus wirtschaftlichen Strukturproblemen, die die Einnahmen schrumpfen, und gesetzlichen Auflagen, die die Ausgaben steigen ließen.

Jahrelang lebte die 117 000 Einwohner zählende Stadt unter verschiedenen Koalitionsregierungen über ihre Verhältnisse. Der Verwaltungsetat, in dem die laufenden Aufwendungen und Erträge verbucht werden, steht inzwischen mit mehr als 220 Millionen Mark in der Kreide – das kumulierte Defizit entspricht damit gut der Hälfte der jährlichen Einnahmen. Der Schuldenberg des Vermögenshaushaltes, der unter anderem die Investitionen der Gemeinde widerspiegelt, ist auf über eine halbe Milliarde Mark angeschwollen.

Kämmerer Gerhard Grandke spricht dann auch von „brasilianischen Verhältnissen“. Ähnlich wie die hochverschuldeten Länder der Dritten oder Vierten Welt sei die Stadt in eine „tödliche Falle“ geraten: „Unser zentrales finanzpolitisches Problem bestand darin, daß wir Kredite aufnehmen mußten, um unsere Schulden zu bedienen.“ Das Desaster war teils hausgemacht, teils externer Natur. Beispiel Sozialkosten: Die Stadt zahlt, so Grandke, den höchsten Sozialhilfesatz pro Kopf der Bevölkerung in der Bundesrepublik. Über hundert Millionen Mark flossen im vergangenen Jahr an bedürftige Einwohner, mehr als gleichzeitig an Gewerbesteuer eingenommen wurde. Offenbach muß wegen der ungünstigen Wirtschaftsstruktur einen überproportional hohen Anteil an sozial Schwachen verkraften, während die besser verdienenden, aufstiegsorientierten Beschäftigten ins Umland abwanderten.

Doch dies ist nur die halbe Wahrheit. Denn die Stadt zeigte sich auch über Gebühr großzügig. Hier habe die „kollektiv-mentale Einstellung“ geherrscht, daß die Kommune in der Sozialpolitik die Lücken finanziell schließen müsse, die Bund und Land durch Einsparungen aufreißen ließen, kritisiert der sozialdemokratische Kämmerer.