Pferdebücher sind Selbstläufer. Muß man nicht empfehlen. Photobände und Kalenderblätter erobern galoppartig die Kinderzimmer. Die Einhufer polarisieren wie König Fußball; die Gemeinde der Vernarrten einerseits und andererseits Tonio Krögers Epigonen, denen Gestütslatein nach Gutsherrenart und grüne Wiesen ausgesprochen schnuppe sind.

Wenn das die Regel ist, so geht es hier um die Ausnahme. Alles, was zum Genre gehört, ist drin, und noch viel mehr: "Damit ihr’s wißt: Dies ist ’ne echte Rarität, ’n Liebhaberstück sozusagen, ’ne echte Kostbarkeit. Original Andalusier aus Spanien." Otto Schimmer ist Pferdehändler, rustikaler Lebemann und routinierter Aufschneider. Aber hier hat er recht. Der spanische Hengst, den er weit unter Preis seinem Freund Piet Tomsen überläßt, ist wirklich ein edles Tier, das beste, was Tomsens verarmter Stall seit langem gesehen hat.

Einer der letzten Hengste, die Spanien gesund verlassen haben. Denn da grassiert die Pferdepest, hoch ansteckend, wie Schimmer weiß. Das macht die spontane Freundschaftsgabe nur noch merkwürdiger, aber ehe der alte Tomsen Fragen stellen kann, ist Schimmer schon wieder quietschfidel vom Hofe: "Lang ordentlich hin, wenn’n Liebhaber dafür kommt."

Sylvia Brandis hat ihrer Erzählung einen kräftigen Schuß Krimiatmosphäre beigegeben. Szenen und Dialoge so prägnant und kurz, daß Philip Marlowe bei Minna Grewe am Tresen sitzen könnte, auf ein Bier und ein Korn – und ein paar Neuigkeiten an Minnas Nachrichtenbörse. Ist natürlich Dorfgespräch, Piet Tomsens spanischer Schimmel: Español.

Aber als Detektiv schnüffelt hier ein anderer: Tomsens Sohn Jan, der kleine, ungeschickte Jan, den sie alle für einen Tölpel halten, für einen Blindgänger, "stumm wie’n Fisch". Er ist der einzige, den Seine Majestät Español an sich ranläßt. Ihm gelingt es, dem Rätsel um den Hengst auf die Spur zu kommen. Und im Zuge der Ermittlungen erfährt Jan auch so manches über seinen Vater und seinen Hang zu alkoholischer Lethargie, über Otto Schimmer und über seine Mutter, die vor Jahren ’verunglückte.

Wie hatte Schimmer doch gesagt: "Unterschätz den nicht! Ich sag dir, durch so’n Bürschchen kann verdammt was in die Binsen gehn, wenn der’s drauf anlegt." Dabei ist Jan kaum älter als der Leser, so um die zwölf oder ein bißchen drüber. Reinhard Osteroth

  • Sylvia Brandis: