„In Autoritätsfeindlichkeit kommt eine Art Abdankung der Zeitgenossen zum Ausdruck, die sich als Eltern und Erzieher gewissermaßen weigern, eine der allerelementarsten Funktionen in jedem Gemeinwesen, das Hinleiten derer, die durch Geburt neu in die Welt gekommen und daher in ihr notwendigerweise Fremdlinge sind, zu übernehmen und so die Kontinuität dieser gemeinsamen Welt zu sichern.“ (Hannah Arendt, 1956)

Von Claus Leggewie

Er ist knapp zwanzig, kein waschechter „Fascho“ und blindwütiger Schläger. Eigentlich ein ganz normaler Junge, wenn er nicht vor ein paar Monaten versucht hätte, ein Asylbewerberheim anzuzünden, aus Haß & Langeweile. Was mir an ihm besonders aufstieß, war weder seine Gewalttätigkeit noch seine Dummheit, es war die Rohheit seiner ganzen Person – ein ausgesprochen ungezogener, ein unerzogener Bengel. Ich hätte sein Vater sein können.

Erziehung kommt vom lateinischen eruditio, aus dem rohen Zustand herausholen. Darum geht es wohl. Ist der Rechtsradikalismus dieser Tage vielleicht auch, vielleicht sogar vorrangig ein Erziehungsproblem, genauer: ein Resultat der Abwesenheit von Erziehung, von Autorität und Tugend? Oder tobt sich hier der autoritäre Charakter aus, dem es um die Restauration der alten „doitschen“ Tugenden geht?

Als kürzlich eine Abgeordnete der Grünen im Düsseldorfer Landtag die Jugendgewalt mit dem Scheitern der antiautoritären Erziehung in Verbindung zu bringen wagte, begann sogleich die parteipolitische Heuchelei. Der CDU-Fraktionschef schlug die Selbstzweifel der grünen Kollegin den regierenden Sozis um die Ohren, die seit einem Vierteljahrhundert die Schulpolitik des größten Bundeslandes verantworten. Ebenso peinlich war das Strafgericht des grünen Zentralkomitees über die Nestbeschmutzerin.

Solche Mätzchen ersparen das Nachdenken. Die als Nazis kostümierten Kids, die so schrecklich normale Monster sind, weisen auf Schwächen hin, die jedem Lehrer und Erzieher und allen Eltern geläufig sind: Sie gehören einer verlorenen Generation an, die sich selbst (und der Glotze) überlassen blieb. Die in verdächtiger Eile als „Nazi-Kids“ gebrandmarkten Gewalttäter sind Erziehungswaisen, Angehörige einer neuen vaterlosen und fatal auf die (hilflosen) Mütter fixierten Generation. Aber nicht die Schläge der Väter und die Strenge der Mütter, sondern Abwesenheit und Gleichgültigkeit der Älteren bleuten ihnen das „autoritäre“ Denken und Handeln ein.

„Die potentiellen Faschisten scheinen demnach jene zu sein, die in ihrer Kindheit eher roh, ungehobelt und .unkultiviert’ waren. Ihr Mangel an wirklich affektiver Besetzung der Familie läßt sie den Sinn für Autorität, den sie früher erworben hatten, auf ihre ‚gang‘ übertragen und deren Ehrenkodex von Tapferkeit und Gewalttätigkeit übernehmen, ohne daß sie irgendeinen moralischen Widerstand dagegen aufbrächten.“