Von Herbert Stelz

Ein gelber Regen geht über dem Wohngebiet neben dem Chemiegiganten nieder, gut neunzig Autos werden gelb gesprenkelt, rund zwei Kubikmeter Chemikalien sind durch ein Überdruckventil ins Freie ausgetreten. Die städtische Feuerwehr wird erst gar nicht informiert. Die Hoechst AG spricht von "einer kleinen Störung". Erst später stellt sich heraus, daß der gelbe Regen aus dem giftigen Chlornitrobenzol besteht. Das war im Januar 1986.

Sieben Jahre später, derselbe Betrieb in Frankfurt-Griesheim, der nahezu gleiche Unfallhergang: Wieder geht, am frühen Morgen des 22. Februar, gelber Regen über Wohnhäusern, Kleingärten und Kinderspielplätzen nieder. Diesmal tönen die Werkssprecher: "mindergiftig". Und so war es den halben Rosenmontag noch aus den Fasching feiernden Rundfunkhäusern zu hören. Ein Störfall bei Hoechst ist schließlich nichts Ungewöhnliches; rund vierzig listet alleine die Bürgerinitiative "Höchster Schnüffler un’ Maagucker" seit ihrer Gründung im Jahr 1979 auf. Betriebsleiter Gerhard Rümmler wiederholt im Regionalfernsehen noch am Nachmittag das fatale Wort vom "mindergiftigen Produkt", für die Bevölkerung bestehe "keine Gefahr, absolut keine".

Die Ereignisse der folgenden Tage strafen diese Informationspolitik gründlich Lügen. Hieß es zuerst, 2,5 Tonnen Chemie seien über die Wohngebiete niedergeregnet, so wurden bald daraus zehn Tonnen. Handelte es sich zunächst angeblich um drei Stoffe, erhöhte sich deren Anzahl bald auf elf. Dabei mußte Hoechst einräumen, daß bis dahin immer noch eine Tonne der auf die Bevölkerung niedergeregneten Chemie nicht identifiziert werden konnte.

Der Vernebelungsvokabel der "Mindergiftigkeit" setzte Hessens grüner Umweltminister Joschka Fischer öffentlichkeitswirksam einen Bericht entgegen, der keine Zweifel daran läßt, daß das zu etwa zweieinhalb Tonnen im gelben Regen enthaltene o-Nitroanisol "als gentoxisch wirkendes Karzinogen zu betrachten ist", also Krebs erzeugen kann. Der Bericht stammt aus dem Hause Hoechst und war dort seit November bekannt, wenige Tage vor dem Störfall war er noch Gegenstand einer internen Besprechung gewesen. Doch nichts davon drang zunächst an die Öffentlichkeit. Minister Fischer mußte sich das Papier über andere Quellen besorgen. Hoechst-Sicherheitschef Christian Jochum gibt mittlerweile zu, man habe "gelernt", daß der Begriff "mindergiftig" "bei der Bevölkerung sehr stark mißverstanden wird". Er werde wohl "im Sprachgebrauch nach außen gestrichen". Andere hatten diese Erkenntnis bereits früher. Schon 1979 brandmarkte der Sachverständigenrat für Umweltfragen die im Chemierecht vorgesehenen Gefährdungsklassen einschließlich des Wörtchens "mindergiftig" als "völlig unbrauchbar".

Die so gründlich gescheiterte Informationspolitik ist allerdings typisch für den Konzern vom Main. Ob es sich um Störfälle, Pharmaskandale, Müllentsorgung und Wasserverschmutzung handelt, bis zuletzt wird heruntergespielt, verharmlost, werden Informationen zurückgehalten. Unvergessen bleibt, wie 1988 ein mäßig kritisches Fernsehportrait des Hessischen Rundfunks zum 125jährigen Jubiläum den Zorn des damals frisch inthronisierten Chefs der Zentralabteilung Öffentlichkeitsarbeit, Dominik von Winterfeldt, erregte. Schriftlich forderte er die "Führungskräfte" auf, "private Briefe an den Intendanten" des HR zu richten, um "mehrere Hundert Briefe" zu "landen" gegen die "Würdelosigkeit des Films". Das Schreiben geriet in die Öffentlichkeit, der Schuß ging nach hinten los.

Unvergessen auch die Verbissenheit, mit der Hoechst den WDR und medizinische Kritiker gerichtlich wegen einer Fernsehdokumentation über die Psycho-Pille Alival bis zum Bundesgerichtshof verfolgte. Der Konzern verlor in allen wesentlichen Punkten, vor dem BGH ging es zuletzt noch um den Satz: "Wenn es ums Geschäft geht, denn geht der Hoechst-Vorstand über Leichen." In letzter Minute zog Hoechst die Klage vor den obersten Richtern zurück, die ARD hat den Film mit der Aussage kürzlich wiederholt.