HAMBURG. – Wenn Helga Löwe um Viertel vor acht auf den Schulhof einbiegt, läuft ihr jeden Morgen eine Schar von Kindern entgegen. Alle reißen sich darum, ihre Taschen und Körbe tragen zu dürfen. Denn die Kinder wissen: Die Lehrerin bringt Essen mit. Bevor sie am Morgen irgend etwas anderes macht, schmiert sie den Kindern Wurstbrote. „Hungrige Kinder – das klingt wie Südamerika, aber es ist tatsächlich so, daß die Schüler um Essen oder Reste betteln.“

Helga Löwe unterrichtet an der Carsten-Rehder-Förderschule in Hamburg-Altona. Die Schule ist Spiegelbild der sozialen Verhältnisse im Kiez: „Wir haben Klassen, in denen nahezu alle Eltern von Sozialhilfe leben, lernbehinderte, sozial verwahrloste Kinder von Zuhältern, von Prostituierten, sehr viele Ausländerkinder. Bei manchen kann man schon von Straßenkindern reden, der Übergang ist fließend.“ Viele Male schon hat sie versucht, die Eltern zu überzeugen, wie wichtig es für die Kinder sei, richtig ernährt zu werden. Vergeblich. „Es passierte nichts.“ Im Gegenteil: „Ich habe erlebt, daß Eltern sogar eifersüchtig auf die Kinder wurden, weil sich jemand um die Kleinen sorgte – statt um sie selbst.“

Täglich sieht Helga Löwe die erschreckende Realität: Kinder, die aus Hunger zuckersüchtig wurden; Kinder, die alkoholgefährdet sind, weil sie zu Hause nichts Eßbares, sondern allenfalls Bier gefunden haben; Kinder, die mit sechs Jahren anfangen zu rauchen, um ihr Hungergefühl einzudämmen – psychisch und physisch kranke Kinder. Von den insgesamt 265 Schülern sind, so schätzt die Lehrerin, neunzig Prozent mangelhaft oder falsch ernährt. Und die Carsten-Rehder-Schule ist keine Ausnahme. Ähnlich gravierende Mißstände herrschen auch an den Förderschulen in den Stadtteilen Hamm und Billstedt.

„Ich habe immer was zu essen in der Schublade, und wenn’s nur Knäckebrot ist“, erzählt die Schulleitern der Grundschule Laeiszstraße im Karolinenviertel, Helga Büchel. Ernährungsprobleme sind auch ihr wohl bekannt: „Die einen sind zu mager, die anderen zu dick.“ Ein paar Straßenzige weiter geben sich Schulkinder aus der Laeiszstraße zur Mittagszeit die Klinke in die Hand. 40 von 182 Kindern werden dort halbtags betreut und bekommen „wenigstens einmal am Tag ein warmes Essen“. Eltern, die von der Sozialhilfe leben, zahlen für den „pädagogischen Mittagstisch“ eine Mark pro Kind pro Tag, den Rest übernimmt die Stadtkasse.

„Wir haben keine Probleme, die Plätze vollzukriegen“, berichtet Ulrich Rother von der Schulbehörde. In den vergangenen zwei Jahren wurden im Stadtgebiet, je zur Hälfte an Schulen, vor allem Grundschulen, und in Einrichtungen der freien Jugendhilfe 1400 Plätze eingerichtet. Angeboten wird die kindgerechte Vollwertkost vor allem in Stadtgebieten, die als soziale Brennpunkte gelten.

An die elterliche Verantwortlichkeit appelliert man meist vergeblich. „Die Eltern sind unser größtes Problem“, sagt Hannelore Davidts von der Gesundheitsbehörde. „Es ist aber gar nicht böser Wille, viele Eltern sind müde, satt, kraftlos und voller Sorgen.“ Zwangsläufig schlüpfen die Lehrer in die Rolle, der Ersatzeltern – sie lehren, erziehen und ernähren die Kinder. „Ich weiß von vielen Kollegen, die die Kinder durchfüttern. Es ist tatsächlich so, daß viele zu Hause nichts abkriegen, weil die Sozialhilfe schon Mitte des Monats in Alkohol und Rauschmittel umgesetzt ist; für Essen bleibt dann nichts mehr übrig.“

Juliane Liebsche unterrichtet an der Grundschule Sonnenland in der Hochhaussiedlung Billstedt. Immer wieder gab es Anläufe, in der Schule gemeinsam zu frühstücken, „aber weil es dafür keine Extrastunden gibt, hält man das nicht lange durch“. Doch erst die alltägliche Auseinandersetzung mit dem Thema Essen läßt auf eine erfolgreiche Ernährungsumstellung hoffen, glaubt die Schulärztin Christiane Petersen. Deshalb setzt sie auf die Zusammenarbeit zwischen Pädagogen und Medizinern: „Lehrer können das Thema didaktisch umsetzen, haben aber das Fachwissen nicht, umgekehrt haben die Schulärzte zwar das Wissen, kommen aber mit den Kindern gerade dreimal in deren Schulzeit in Kontakt.“