HANNOVER. – „Früher“, schwärmt Eveline, „da gab’s noch Milchschnitten und Schokoladenpudding beim Hausmeister. Heute kriegt man nur noch Butterkekse und Studentenfutter.“ Die zwölfjährige Schülerin der Wilhelm-Röpke-Schule in Schwarmstedt bei Hannover steht mit ihrer Klage nicht allein. Mit dem sogenannten Müsli-Erlaß hat sich das Kultusministerium so manches Landeskind verprellt. Alles was ungesund und zuckrig ist, sollte mit der Verordnung vom September 1991 aus den Schulen des Landes verbannt sein. Statt Schokoriegel, Cola und Kartoffelchips wird nur noch Vollwertkost geduldet.

Die Unkenrufe ließen nicht lange auf sich warten. „Aus Niedersachsens Lehranstalten wird ein sehniges, gestähltes Geschlecht hervorbrechen, rank und hart, mit blitzenden 32er-Gebissen. Anstatt der lila Pausen werden Schülerinnen und Schüler künftig am Kiosk ein Bund Karotten verlangen“, höhnte die Braunschweiger Zeitung. Doch Niedersachsen steht nicht allein im Kampf gegen schlechte Zähne und dicke Schülerbäuche. Auch andere Bundesländer ersannen ihre Müsli-Erlasse.

Aus gutem Grund: Immer weniger Kinder frühstücken zu Hause, bevor sie in die Schule gehen. Nach einer Schätzung des Kultusministeriums kommt darüber hinaus jeder dritte Schüler ohne Pausenbrot zur Schule. Anstelle eines nahrhaften Frühstücks und einer Stulle gäben Eltern ihren Zöglingen ein paar Mark mit auf den Weg. Was die Kids dafür kaufen, ist nach den Beobachtungen des Kultusbeamten in der Regel frei von jenen Nährstoffen, die die Voraussetzung für körperliche und geistige Leistungsfähigkeit sind.

Im Unterricht zeigen sich die Folgen: Die Konzentrationsfähigkeit, klagen viele Lehrer, erlahme allzuschnell. Daß dies nicht nur eine Folge des Fernsehkonsums, sondern auch des übermäßigen Konsums von Süßigkeiten ist, hat sich unter Schülern noch nicht herumgesprochen. Eine Studie der Universität Göttingen belegt, daß Zehn- bis Sechzehnjährige nur sehr unzureichend über Ernährungszusammenhänge informiert sind. Auch dies war ein Grund für das Kultusministerium, mit dem Müsli-Erlaß einen Anstoß zum Umdenken zu geben.

Ist die Zeit der lila Pausen also unwiderruflich vorbei? Eine Erhebung des Infas-Institutes vom Herbst vergangenen Jahres läßt am Erfolg der Gesundheitserziehung zweifeln. Nach einer Befragung unter tausend Schülern in vier Bundesländern werden an Schulen mit einem Süßwarenverkaufsverbot nicht weniger Gummibärchen verspeist als an anderen Schulen. Rund siebzig Prozent der Schüler verzehren danach in der Schule Süßigkeiten – die Hälfte wird von zu Hause mitgebracht, zwanzig Prozent werden auf dem Schulweg und der Rest in nahe gelegenen Geschäften gekauft. Die niedersächsische CDU führte die Infas-Studie in einer Anfrage an die rot-grüne Landesregierung ins Feld, doch Vorsicht ist geboten. Nachdem Infas sich geweigert hatte, die Untersuchung offiziell zu veröffentlichen, wurde ein Mitarbeiter des Kultusministeriums in Hannover hellhörig. Er forschte nach und ermittelte den Auftraggeber der Befragung: die Süßwarenindustrie.

Das Kultusministerium verweist demgegenüber auf erste Erfolge mit dem Müsli-Erlaß. In der Grundschule habe sich das „gesunde Schulfrühstück“ bereits durchgesetzt, teilt Minister Wernstedt mit. Auch an den anderen Schulformen sei ein erfreulicher Bewußtseinswandel zu beobachten. In der Tat: Wer sich in den Schulen des Landes umschaut, stellt fest, daß sich durchaus etwas verändert. Zum Beispiel im Kaiserin-Auguste-Viktoria-Gymnasium in Celle, der Fernsehschule der Nation, bekannt geworden als Schauplatz der Serie „Unser Lehrer Dr. Specht“. In der Teeküche schmieren Mütter ehrenamtlich Vollkornschnitten und kochen Suppe. Statt Mars und Hanuta gibt es hier saure Gurken. Die Schüler greifen zu – nicht nur weil’s billig und gesund ist, sondern angeblich auch, weil’s schmeckt.

Frei von süßen Gelüsten sind sie damit freilich nicht. Neben zwei nahe gelegenen Kiosken profitiert ein Bäcker von der Gesundheitserziehung, dessen Name „Pippel“ eine Wortschöpfung nach sich gezogen hat: „Pippeln gehen“, nennen es die Schüler, wenn sie sich außerhalb ihrer gesundheitsbewußten Lehranstalt verköstigen.

„Im Kopf: Ja! Im Bauch: Nein!“, auf diese Formel läßt sich bringen, was Oldenburger Schüler in einer eigenen Befragung herausgefunden haben. Und Elif, Eveline und Kathrin aus Schwarmstedt zählen mit Glanz in den Augen auf, was sie sich so alles an leckeren Sachen gönnen: Nussini und Raffaelo, Kaugummi und Fischfrikadellen... Studentenfutter? Da müssen die drei aber lachen. „Damit bewerfen sich die Jungens immer“, erzählen sie, „vor allem mit den Rosinen.“ Heinrich Thies