Nichts macht so viel Vergnügen, wie ein Lexikon zu kritisieren. Und dann noch zwei! Im Vergleich! Was fehlt bei dem einen, und wo erweisen sich die Erklärungen als unvollständig, schief oder gar falsch? Der Rezensent greift sich Begriffe und Bereiche heraus, die ihm vertraut sind, und beweist dadurch seine Fachkenntnis. In 70 Zeilen 648 beziehungsweise 656 Seiten (das sind 1304 Seiten) besprechen, von den Zeilen ganz zu schweigen. Ein Alptraum, eine Anmaßung, also doch lieber zuerst der Hinweis: Es gibt zwei neue, vierbändige Kinderlexika, einmal von Brockhaus in fröhlichem Bunt und einmal von Otto Maier in dezentem Weinrot. Beide kosten jeweils 98 Mark, und wo „Der Kinder Brockhaus“ 1100 Stichwörter und 7500 Suchbegriffe bietet, lockt „Das große Ravensburger Lexikon“ mit 450 Hauptstichworten (!) und 1500 Unterstichworten (!). Also 1:0 für Brockhaus und leichte Punktvorteile wegen der „Wörter“ gegenüber den „Worten“? Die Entscheidung ist so fragwürdig wie der Versuch, eine Fußballmannschaft gegen ein football team antreten zu lassen. Meint, beim Ravensburger Lexikon läßt sich die Übernahme aus dem Englischen, aus dem Dorling Kindersley-Konzern, weniger übersehen als beim Brockhaus. Und so behandelt es den heimischen Fußball nur als Randerscheinung – während Brockhaus im Gegenzug das FootballSpiel oder Rugby nur am Rande erwähnt. Oder Paul Klee und Konrad Adenauer bei Brockhaus gegen Elisabeth I. und Ludwig XIV. bei Ravensburg? Weltläufigkeit gegen europäischen Zentrismus? Wieder (fast) falsch.

Die beiden Lexika gehen von unterschiedlichen Konzepten aus. Bei Ravensburg sind es große Themenseiten und -bereiche, die mit faszinierenden Bildarrangements dazu verführen sollen, die Texte zu lesen, während Brockhaus Texte mit Bildern erläutert. Dementsprechend leuchten dem suchwilligen Kind unter dem Stichwort „Tiere“ bei Ravensburg dreißig Seiten entgegen und bei Brockhaus nur eine Seite, dafür findet es hier aber „Schwein“ eben unter S, zwischen Schwefel und Schweißen. Ähnelt also das Ravensburger Lexikon den ins Alphabet gebrachten und damit zerstückelten Fachlexika aus der Reihe „Sehen – Staunen – Wissen“ – schwergewichtig ausgestattet in den Bereichen Geographie, Botanik, Zoologie und Geschichte, Bereiche, in denen es den Brockhaus visuell in die Defensive drängt – folgt der Kinder Brockhaus der alten Tradition: Kompost folgt auf Komponist. Und obwohl beide Verlage ihre Lexika ab acht Jahren zur Benutzung empfehlen, bemüht sich Marcus Würmli, der Bearbeiter des Kinder Brockhaus, doch stärker um kindgemäße Erklärungen, versucht, kein Wort im dunkeln stehenzulassen, einfach zu formulieren, ohne zu vereinfachen – was hin und wieder mißlingt und zu Banalitäten führt.

Also, den mit Engagement und Zeitbezug geschriebenen, mit „Mach es selbst“-Ratschlägen versehenen Kinder Brockhaus gegen das mit internationalem Flair und bunten Bildern überwältigende Ravensburger Lexikon aufwiegen?

Vielleicht doch eher so: Wer weiß, was er wissen will, sucht im Brockhaus. Wer danach sucht, was ihn interessieren könnte, schmökert im Ravensburger. Und für beide gilt: Wer etwas über Literatur, Malerei oder Musik erfahren möchte, legt das Geld seiner Eltern besser anders an. Unentschieden. K. H.

  • Das große Ravensburger Lexikon

Aus dem Englischen von Klaus Sticker;

Otto Maier Verlag, Ravensburg, 1992; 656 S., 4 Bände, 98,– DM