Hinter der Weggabelung führt das Sträßchen in die Wildnis. Stechpalmen, Gaspeldorngestrüpp und Rhododendronbüsche wuchern wie in einem Tropenwald. Schrumpfwüchsige Schafe suchen, wie Büßer auf Knien rutschend, nach Gras. Feldzäune und Steinmauern verfallen, Gräben und Drainagen sind verstopft, das immergrüne Gesträuch kriecht über versumpfende Wiesen und Weiden. Der melancholische Südwesten Irlands.

Von der Straße aus sieht man das Haus nicht, nur ein rotes Feldtor in einer in den Rhododendrondschungel gehackten Öffnung. Die Einfahrt windet sich zwischen lichtem Gestrüpp auf eine Anhöhe. Wo sie endet, steht ein eskdalegrüner Rover Discovery mit deutschem Kennzeichen. Von dort führen Steinstufen auf eine Terrasse, von der aus man den Rhododendrondschungel von oben und einen See und dahinter wie von dem Mythenhelden Fionn aus Steinschollen aufgeschichtete Berge überblickt.

Die Terrassentür steht offen. Horst Stern, das Gesicht unrasiert und das schüttere Haar wirr zurückgestrichen, sitzt am entfernteren Ende eines schlichtlinigen Glastisches, vor sich einen handgeschriebenen Brief. Es ist schwer zu erraten, ob ich ihn in Gedanken überrascht habe oder ob er mich hatte kommen hören. Der Briefträger, sein einziger täglicher Besucher, pfeift immer ein Lied, wenn er die Stufen heraufkommt. Er blickt auf und sagt: "Sie sind Reiner Luyken Nicht als Frage, sondern als Feststellung, die klingt wie: Hüten Sie sich vor Ihrem Namen! Er lächelt und steht auf.

Ein Freund hatte mir Horst Stern als "spröde, klar denkend und präzise" beschrieben. Einer, der "nichts aus dem Bauch macht". Vor ein paar Tagen erst war der Romanautor Stern von einer Lesereise durch Deutschland zurückgekommen. Ich hatte mir in seinem neuen Buch eine Charakterisierung des Journalisten Klint angestrichen, den viele für das Alter ego des "vielgedruckten, vielgerühmten, vielgeehrten Aufklärers, Unruhestifters, Warners und Spötters" halten: "Er ging selten Beziehungen ein, die durch anderes am Leben erhalten werden mußten als durch das Wechselspiel von Fragen und Antworten und den Austausch der Argumente "

Irgendwo hatte ich auch ein Zitat des Journalisten Horst Stern gefunden, der mit seinen Fernsehfilmen in den siebziger Jahren als einer der ersten die ökologische Diskussion in Gang gebracht hatte: "Die Wahrheit ist müde geworden "

Die Terrassentür ist gleichzeitig Haustür; Wohnzimmer und Küche sind eins; der obere Stock besteht aus zwei winzigen Zimmern. Das Haus in Irland steht wie ein El- fenbeinbungalow auf der Anhöhe über dem Rhododendrondschungel. Die meisten Möbel und die gesamte Kücheneinrichtung stammen von der Vorbesitzerin, einer Französin, die verkaufte, als ihre Freundin einen Iren heiratete. Horst Stern erwarb das Haus spontan, einer plötzlichen Eingebung folgend, ohne es überhaupt von innen besichtigt zu haben. Einer, der "nichts aus dem Bauch macht"? Er sitzt in einem hochlehnigen, leinenbespannten Sessel, die Beine auf dem Glastisch, und zieht so sachte an seiner Pfeife, daß man den Rauch kaum bemerkt. Sind Sie Klint? Er beantwortet die Frage, vielleicht mehr für sich selbst als für mich, der sie gar nicht gestellt hat: "Natürlich bin ich nicht Klint. Klint hat eine ganz andere Biographie. Er ist krank, ein Schizophrener. Ich bin, glaube ich jedenfalls, ganz gesund. Der Roman ist eine Hochrechnung meiner Ängste. In Klint bündeln sich die großen Ängste unserer Zeit, deren Angelpunkt ist, daß der Mensch unter Inkaufnahme der Zerstörung der Welt die Wissenschaft immer weiter treibt. Ich denke, die paar Jahre, die ich habe, wird es ja noch gutgehen. Aber ich fürchte für meine Enkelkinder "

Klint ist ein Mensch mit apokalyptischen Visionen, der an seiner "Leidenschaft für das kreatürliche Leben" zugrunde geht. Auf dem Deckelbild des Buches ist ein Detail aus Hieronymus Boschs "Garten der Lüste" abgebildet. In dem Gemälde erkennt Klint sein gespaltenes Ich: "Mein Kopf ist in höllischer Logik meinem Leib verkehrt herum angesetzt und trägt hutgleich einen Mühlstein, der mich so schwer drückt wie mein Wissen vom Zustand der Welt. Obenauf, in der Mitte des Sterns, steht tonlos ein riesiger Dudelsack. Es entweicht ihm in rasch verfliegenden Kräuselungen mein Atem, mit dem ich den Blasebalg füllte, um der Welt imit schrillen Tönen zur Warnung aufzuspielen. Oder ist es schon Rauch meiner zu Wortasche zerfallenden Kassandragesänge? Drei wunderliche Winzlinge, dämonische Gestalten aus meinen Alpträumen, führen mich, der ich selbst dreifach bin Täter, Träumer, Opfer , um den Dudelsack herum "

Im März geht Horst Stern noch einmal "tingeln" "Das ist dann mit Sicherheit meine letzte Lesereise. Irgendwo ist das ja idiotisch, dieses Stückchenlesen. Die anschließenden Diskussionen sind meist unfruchtbar und enervierend. Man macht sich selber kaputt dabei "

Und: "Ich hoffe, man sieht mich bald überhaupt nicht mehr "

Ist die Wahrheit müde geworden? Hat der Vorkämpfer der ökologischen Bewegung aufgegeben? Hat der Warner und Spötter sich in die Literatur geflüchtet? In ein irisches Wunschland?

"Naturschützer. Grüner Guru. Kämpfer Er spuckt die Worte aus wie Verunglimpfungen. "Tierschützer. Tierfreund. All diese Sachen, die man mir angehängt hat. Daß ich Journalist war, ging dabei völlig verloren. Ich habe immer unter diesen Verengungen gelitten. Ich war immer stolz auf meinen Beruf, auf meinen Status als Journalist und jetzt heißts, der Alte hat resigniert. Ein Mann gibt auf. Damit werde ich jetzt durch die Medien geschleppt. Dabei tue ich nur, was zutiefst menschlich ist, nämlich kontemplativ leben " Er geht in die Küche und macht mir eine Tasse Kaffee. Er trägt, obwohl wir drinnen sitzen, eine Windjacke. Ein Reisender im eigenen Haus, geht es mir durch den Kopf "Für die Zeit, die mir bleibt, will ich mich darauf besinnen, was menschlich ist. Nachdenken, lesen. Back to the roots, die Vorsokratiker studieren.

Die haben es fertiggebracht, nur durch das Denken die atomaren Strukturen zu erkennen, ohne Teilchenbeschleuniger und den ganzen Mist.

Nein, mit Resignation hat """

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™™ das überhaupt nichts zu tun. Ich hat auch gar kein schlechtes Gewissen dabei. Ich habe meine Pflicht getan. Ich will die Welt nicht mehr verändern komm, jetzt spielen Sie nur ein Stück auf Ihrem Dudelsack "

Ich hatte - wie immer - meinen Dudelsack dabei, meine kapriziöse Zauberflöte. Ich spielte "MacKintoshs Lament", ein eindringlich elegisches Stück in pentatonischem d moll, Musik aus lange vergangenen Tagen. Horst Stern saß lauschend in seinem hochlehnigen Sessel, und die Musik sprach ihn an, wie sie nur romantische Gemüter anrührt. In seiner Münchener Zeit wohnte er am Englischen Garten, nahe einer Stelle, die sich ein Sackpfeifer zum Üben ausgesucht hatte. Dort ging er oft hin, setzte sich auf einen Baumstamm und hörte zu.

"Da kann ich stundenlang zuhören", sagt er, als ich das Instrument beiseite lege, "diesen Melodien, die sich immer weitertragen "

Die Rückschau auf seine Tätigkeit in München ist weniger erbaulich: "Da bin ich auch gescheitert Er schildert seinen Lebensweg wie eine Abfolge von Niederlagen, Niederlagen gegen Klüngel, das Primat des Kommerz und den Strom der Zeit. Zuerst in den fünfziger Jahren, als Lokalredakteur bei den Stuttgarter Nachrichten. Die nach Politproporz zusammengewürfelte Chefredaktion kippte eine Story über den Feuerwehrchef der Stadt, ein eingeschriebenes SPD Mitglied, der sein Auto im Suff gegen einen Feuerhydranten gesetzt hatte: ein journalistisches Bonbon. Die Richtigkeit der Geschichte stand nicht in Frage, sie fiel purer Günstlingswirtschaft zum Opfer. Der junge Redakteur Stern sprang wutentbrannt in der Redaktionskonferenz auf, schleuderte in der gleichen Bewegung seinen Stuhl mit den Knien an die Wand und knallte mit einem Schlüsselbund auf die polierte Tischplatte. Dann rannte er in sein Büro und bekam einen Weinkrampf. Später ging er zum Chefredakteur, entschuldigte sich für die Form, aber war nicht bereit, in der Sache zurückzustecken. Am nächsten Tag war er arbeitslos. "Gescheitert" ist Stern auch beim Fernsehen. Zehn Jahre lang war er mit seinen "Stern Stunden" über Rothirsche, Spinnen und Bernhardiner, über die Vermenschlichung von Tieren und die Pervertierung der Jagd ein Publikumsliebling. Als er ui drei Sendungen über Tierversuche bei CibaGeigy wagte, das moralische Dilemma aufzuwerfen anstatt alles, was er sah, selbstheilig in Bausch und Bogen zu verdammen, gab es einen Aufschrei. Ambivalenz, merkte er damals, ist dem Medium Fernsehen, in dem Bilder Wahrheit schaffen, wesensfremd. Als ein "Peter Alexander der zoologischen Unterhaltung" ÖkoJournalismus als kommerziellen Selbstzweck zu betreiben, war er nicht bereit. Schon damals, sagt er, sei abzusehen gewesen, "wo es heute mit den Privaten hingeht: Nur Unterhaltung ist noch gefragt "

Nach Ende der Fernsehkarriere, 1980, gewann der Schweizer Medienkonzern Ringier Horst Stern für sich. Ringier hatte schon seit Jahren nach Investitionsmöglichkeiten auf dem deutschen Markt gesucht. Der Verlag stellte acht Millionen Schweizer Franken zur Verfügung: Stern wurde Herausgeber und Chefredakteur seines eigenen Magazins, natur. Eine einzigartige Gelegenheit, Journalismus so zu betreiben, wie er sich das vorstellte. Der alte Ringier gestand ihm sogar - einmalig in der Branche - vertraglich zu, Anzeigen etwa der Großchemie oder von Atomkonzernen abzuweisen. Als die Söhne die Geschäftsleitung übernahmen, kam es zum Zerwürfnis. Sie störte nicht nur die starke Stellung des Chefredakteurs, sondern vor allem das der Auflage abträgliche hohe wissenschaftliche Niveau des Blattes, sie wollten mehr boulevardjournalistischen Biß. Die Züricher Konzernführung brach den Kontakt ab, beantwortete seine Briefe nicht. Ein Nachfolger saß bereits auf Abruf bereit. Horst Stern warf das Handtuch. Seither schreibt er Literatur.

Literatur, in der Sprache satt wie Ölfarbe aus vollen Tuben quillt, wie befreit von den Zwängen des Journalismus "Zum Greuel geworden", sagt Klint - hier spricht der Romanheld für seinen Schöpfer - "ist mir die Vulgarität gedankenarmer, vor action keuchender Sätze, die sich meist auch noch an einer Interpunktion verschlucken, wie sie von Redakteuren in sie hineingeworfen werden wie Fleischbrocken in einen hechelnden Hund" von Redakteuren, "mutlos geworden im langen Sklavendienst an Lesern und Verlegern, bucklig geschliffen vom Strom trivialer Texte, der über sie hingeht und dem sie kein säuberndes Wehr mehr sind in einer Zeit jedweden Mülls, materiellen wie geistigen "

In seinem winzigen Büro stehen 33 Bände Grimms Wörterbuch der deutschen Sprache. Da vertieft er sich jetzt oft hinein und stellt mit Schrecken fest, daß er all die Jahre Wörter benutzt hat, ohne zu wissen, was sie bedeuten und wo sie herkommen: "Das ist fast so schlimm wie Abschreiben. Ich habe vom Sprachgebrauch abgeschrieben "

Abends gehen wir zu "OSullivans", unten an der Hafenmole "Ich verkläre die Iren nicht", sagt Horst Stern "Ich mache mir auch keine Illusion darüber, wie ihr Umweltschutz aussieht. Aber ich mag die Art, wie sie miteinander umgehen und in den Pubs rumstehen. Die Pissoirs werden nicht mit Musik berieselt und der ganze Scheiß " "Das Land ist verlottert", moniere ich "Die Bauern leben von EG Subventionen und Grundstücksverkäufen an Irlandschwärmer und Spekulanten. Das ist so eine Art postmoderner Landwirtschaft hier. Man müßte erst einmal den ganzen Rhododendron umlegen "

"Sie haben ja auch so eine entsetzliche Unkrautvernichtungsmentalität "

"Der Rhododendron ist eine von viktorianischen Landbesitzern eingeschleppte Landplage " "Ich mag ihn. Im Mai ist das ganze Tal blau. Ich will, daß hier alles so bleibt, wie es ist. Ich liebe an Irland die Ruhe, das Unverdorbene, fast Bukolische Nach einer Pause sagt er: "Ich weiß, das ist ein egoistischer Standpunkt. Ich weiß, daß er ungerecht ist gegenüber den Menschen, die hier ihren Lebensunterhalt verdienen. Ich sehe durchaus meine Rolle. Aber ich glaube, Anspruch darauf zu haben. Ich schade niemandem, ich nehme niemandem etwas weg "

Die Wirtin, die alte Joan OSullivan, prüft eingehend sein rechtes Auge. Sie hatte es vor seiner Deutschlandreise mit einer Salbenkur gegen ein Gerstenkorn behandelt. Sie ist mit dem Ergebnis zufrieden und fragt:

"Ist das Buch erschienen?"

"Ja. Es geht weg wie warme Semmeln "

"Gut "

lonialwarenhandlung, Trinkstube und Seelsorge in einem, durchströmt von Joan OSullivans Mütterlichkeit. Sie bereitet Rübensuppe und Pellkartoffeln für unser Abendessen. Wir trinken sahniges Braunbier, und ich merke, daß ich in Horst Stern trotz des Altersunterschiedes von dreißig Jahren und trotz seiner pessimistischen Anwandlungen nie den alten Mann entdeckte, der zu sein er vorgibt, eher einen Altersgenossen. Er ist immer noch von der Lust besessen, gegen den Strom zu schwimmen. Er haßt das Schickimicki Deutschland. Er will sich nicht einordnen lassen. Er hängt seinen Grillen nach - und ist voller Widersprüche. Ein intellektueller Romantiker. Seine jüngste Grille ist, das Fliegenfischen zu lernen. Das sei pädagogisch, erklärt er, drei Stunden für eine Mahlzeit am Fluß zu stehen: "Da lernt man, daß die Nahrung nichts Selbstverständliches ist " "Pädagogisch? Das ist doch nicht ernst zu nehmen! Beim Angeln geht es um die Lust an der Jagd. Wie bei jeder Jagd ist die Kreatur das Opfer "

"Pädagogisch ist vielleicht ein zu großes Wort", räumt er ein. Nach einer Weile setzt er hinzu: "Alles, was der Mensch tut, ist mit Schuld behaftet. Man kann nur versuchen, die Schuld zu vermindern "