Vor siebzig Jahren ist das Buch schon einmal in Deutschland erschienen, zwei Jahre nach seiner Drucklegung in Stockhohn, herausgegeben von Emilie Demant, die Johan Tun, den in Kautokeino im nördlichsten Kreis Norwegens geborenen Lappen, betreute, bekochte und aufmunterte, während der das Leben seines Völkchens nach bestem Wissen und Gewissen niederschrieb. Johan Olafsson Turi, durchaus mit Ironie begabt und wahrscheinlich von einer eigentümlichen läppischen Schlitzohrigkeit, konnte nicht ahnen, daß die zeitgenössische Sehnsucht zivilisationsmüder Salons nach dem "edlen Wilden" zu einer Massenbewegung anwachsen würde. Turi schreibt, was dem Lappen wichtig ist. Er hat nicht den Blick des abendländischen Anthropologen, der nach den gesellschaftlichen und sozialen Strukturen forscht, sie zur Not "entdeckt", bis sie in unsere Raster passen. Wir erfahren wenig über das Verhältnis von Mann und Frau, Familie und Sippe. Nicht, weil Turi uns das verheimlichen möchte (außer einigen Zaubersprüchen, die sofort unwirksam würden, plauderte er, verheimlicht er uns nichts), sondern weil das alles im Bewußtsein der Lappen dem Überlebenskampf untergeordnet war. Den Lappen und sein Leben beschreibt Turi als einen Untertan seiner Rentierherden, und wir könnten weitergehen und sagen: des jeweiligen Zustands und Standorts der Rentierflechte. Hat einer seine Herde zusammengefangen, hängt er auf Gedeih und Verderben an Lasso oder Zügel. Die Unbilden der Natur schlagen ihn immer wieder mit harten Verlusten. Wolf und Bär können seine Herden in Panik versetzen. Der Wolf ist der Teufel. Für den Bären hegt der Lappe einige Sympathien, spricht ihm menschliche Züge, gar ein Gewissen zu, ja er gilt als vollkommener Gentleman: "Und wenn eine Frau dem Bären begegnet, da braucht sie nur ihren Rock vorne in die Höhe zu heben, dann versteht der Bär, daß es eine wehrlose Frau ist, und ist zu ritterlich, um ihr ein Leid zuzufügen "

Klein und krumm lebt der Rentierlappe im Eis, mit ruinierten Gelenken, erfrorenen Gliedmaßen, blind vom Schnee und vom Rauch in seiner Kote. Mißrät ein Kind, so versuchen manche Eltern, es gegen das wohlgestaltete eines Nachbarn zu tauschen. Den Nachwuchs durchzubringen ist nicht einfacher als die Herde. Nicht selten, daß den Knäbchen bei ihren ersten Ausflügen die kleinen Schwänzchen abfrieren oder den stillenden Müttern die Brüste. Mit leichten Ekelschauern nehmen wir zur Kenntnis, daß der Lappe seine überschüssigen Stiere mit den Zähnen kastriert: " und dann beißt er mit den Zähnen die Testikel ab; aber man muß darauf achtgeben, daß man die Sehnen nicht zerrt. Und wenn man sie abgebissen hat, dann soll man sie mit den Fingern zusammenklemmen, bis es eben wird wie ein Brei "

Die Mythologie der Lappen ist blutig. Offensichtlich gab es Kannibalismus und Menschenopfer bei den Lappen bis wenige Jahrzehnte vor Turis Niederschrift, die etwa zwei Generationen zurückblickt. Die Christianisierung der Lappen, einigermaßen erfolgreich und umfassend erst im 18. Jahrhundert ins Werk gesetzt, führt zur Vermischung von altem traditionellem Geisterglauben und christlicher Heilsbotschaft. Gerne werden die alten Gespenster mit christlichen Symbolen gebannt, und in die Heilkunde fanden die Jesusgeschichten zum Beispiel dergestalt Eingang: "Gegen Sehnenzerrung spricht man auch Worte, und das hilft. Es wird mit ungewaschenem grauem Wollgarn, dreisträhnigen Schafwollgarn gemacht. In der Schafwolle ist viel Kraft, weil Jesus viel von den Schafen gesprochen und Gleichnisse von dem Schaf genommen hat, und auch aus dem Grund, da3, als Jesus tot war, man ihn ein Schaf nannte, und ihr Aufenthalt (der heiligen Familie) war der Schafstall. Und darum ist da in der Schafwolle viel Kraft. Und sie ist auch gut für Socken für die Menschen "

Lappen trugen übrigens keine Socken "Menschen" waren für sie Norweger, Finnen, Schweden und Russen, die ihr Lappland zerteilten, sie ihres Landes enteigneten, mehr und mehr in den Norden abdrängten und durch ihre Grenzziehungen die Lage verkomplizierten. Zuerst assimilierten sidi seßhafte Lappen, dann die Jäger und Fischer. Heute dürften nur noch ein paar hundert Rentierlappen unterwegs sein.

Turi erzählt in schlichten Sätzen, und die beibehaltene Übersetzung aus dem Jahre 1912 von Mathilde Mann versucht, die Naivität seiner Sprache zu bewahren oder nachzuahmen, und darin tut sie des Guten manchmal zuviel. Turi hat zum Text noch einige Zeichnungen gefertigt und erklärende Worte dazu verfaßt, Zeichnungen voller Liebe zum Detail. Es ist verblüffend, wie sehr seine ziehenden Herden den Photographien in de i modernen Time Lie Bänden gleichen, ohne da3 letztere auch nur annähernd mit dem Charme der Zeichnungen konkurrieren könnten.

Turis "Erzählung vom Leben der Lappen" ist das Dokument einer beinahe schon ausgestorbenei nordischen Nomadenkultur. Wie manche Kultui, deren lebendige Grundlagen abhandengekommen sind, wird sie möglicherweise als Touristenkitsch überleben. Doch sollten unserer Kultuigourmetgaumen wenigstens in diesem Fall, und das macht die Wiederauflage dieses Buches so nützlich, mitschmecken, daß nicht jede Lebensweise, nicht jede Stufe einer durchschrittenen Ent