Von Jutta Deiss

Die Tür öffnet sich per Code und schließt sich langsam und lautlos hinter dem Besucher. Diesen Raum dürfen nur Menschen betreten, die entweder das absolute Vertrauen Peter Saubers genießen oder nichts von Technik und Aerodynamik verstehen und deswegen der Spionagetätigkeit erst gar nicht verdächtigt werden können. Rennwagenmodelle im verkleinerten Maßstab der Originale stehen hier wie kleine Kunstwerke. Sie unterscheiden sich in ihrer Formgebung nur unwesentlich voneinander, aber Fachleute erkennen mit ihrem geschulten Blick jede kleine Variante. Formel-l-Teamchef Peter Sauber streicht vorsichtig über die sanften Rundungen eines Rennwagenmodells, das in der Ecke auf einem Hocker thront, und sagt: „Das ist schon der Jahrgang 1994.“ In einer Branche, in der die Geschwindigkeit als das Maß aller Dinge gilt, überrascht es nicht, daß die Gegenwart schon Vergangenheit ist.

Am 14. März findet in Kyalami mit dem Großen Preis von Südafrika der erste Lauf zur Formel-l-Weltmeisterschaft 1993 statt. Der Schweizer Peter Sauber wird mit seinem 85 Mitarbeiter umfassenden Rennteam in der Formel 1 debütieren. Die Aufmerksamkeit der Medien ist ihm sicher. Die schnellen Trainingsrunden von Karl Wendlinger und J. J. Lehto am Steuer seiner Rennwagen, die sich bereits an den Topteams von Williams, Ferrari und McLaren messen lassen, haben ihn innerhalb weniger Wochen vom unerfahrenen Neuling zu einer unkalkulierbaren Größe im Formel-l-Zirkus werden lassen. Aber das ist nur der eine Grund. Der andere ist: Auf dem schwarzen Kohlefaser-Chassis der Sauber-Autos prangt der Stern des Stuttgarter Automobilkonzerns und der Schriftzug „Concept by Mercedes-Benz“.

Dieser Hinweis auf die Verbindung mit dem Mutterhaus der in den fünfziger Jahren so erfolgreichen Silberpfeile könnte von dem Mann ablenken, der das neue Team in Wirklichkeit autonom steuert. Peter Sauber hat es ganz gerne, wenn die Akzente, die er setzt, anderen den Platz im Scheinwerferlicht reservieren. Wer hinter der Bühne steht, so sein Kalkül, hat den besseren Überblick, Scheinwerfer blenden nur. Als sein Rennstall im Februar 1988 im spanischen Jerez den ersten Sieg im ersten Lauf zur Sportwagen-Weltmeisterschaft als offizieller Partner von Mercedes-Benz mit Champagner begoß, biß Peter Sauber abseits der anderen in ein Wurstbrötchen und sagte: „Wer sich zu sehr freut in diesem Geschäft, steht es nicht durch.“ Als dasselbe Team eineinhalb Jahre später im Herbst 1989 in Mexiko den Weltmeistertitel feierte, hörte sich der Schweizer in aller Ruhe die preisenden Worte an und trat, der Pflicht folgend, schließlich selbst ans Mikrophon. „Im Erfolg“, so ließ er wissen, „läßt es sich leicht reden. Ich werde dann zu euch sprechen, wenn es einmal nicht so gut läuft.“

Die wenigen, die ihn besser kennen, sagen in solchen Fällen: „Typisch Sauber.“

Alle anderen haben womöglich Mühe, das Wesen dieses Mannes und seine Motive im Rennsport zu begreifen. Das gilt ganz besonders für die Formel 1. Einer, der im Hollywood des Motorsports kein Schauspieler sein will? „Es kann schon sein, daß mich in der Formel 1 manches überraschen wird, aber das ist kein Grund, mich zu ändern. Ich bin bisher mit den meisten Leuten so ausgekommen, wie ich bin. Das müßte für die Formel 1 auch genügen.“

Sein Image paßt nicht in die Welt der Paradiesvögel aus der PS-Branche: Der 49 Jahre alte Schweizer hat den Ruf eines introvertierten, verläßlichen, präzise und zuverlässig arbeitenden Mannes, dem jede Art von Show zuwider ist. „Die Formel 1, vielleicht der Sport überhaupt, neigt zur Überheblichkeit. Wenn man es weiß, dann kann man damit umgehen.“ Sauber ist keiner, dem man nachsagt, daß er lieber Benzin als das Bukett eines edlen Weins rieche, und der bei jedem Aufheulen eines Rennmotors Ekstasen erlebt. „Mein Puls schlägt beim Start eines Autorennens nicht höher als während eines Eishockeyspiels, das ich daheim im Sessel am Fernseher verfolge.“