Von Warnfried Dettling

Die Debatte über die Zukunft der Bundeswehr belebt eine alte Idee: die allgemeine Soziale Dienstpflicht. Der Soziale Dienst hat längst ein eigenständiges Plädoyer verdient, denn die gesellschaftlichen und demographischen Umbrüche erzwingen ein neues Denken über den Sozialstaat und das Engagement seiner Bürger. Nicht als Auffangbecken für all jene, die die Bundeswehr nicht mehr braucht, noch weniger als Billiglösung für den Sozialstaat braucht es den Sozialen Dienst, sondern als Beitrag, die soziale und humanitäre "Produktivität" der Gesellschaft zu steigern.

Konkret bedeutet dies: Die Wehrpflicht (Artikel 12 a des Grundgesetzes) wird durch eine Soziale Dienstleistungspflicht ersetzt, und jeder kann wählen, ob er sie in der Bundeswehr oder in sozialen, ökologischen oder Entwicklungsdiensten erfüllen möchte. Für junge Männer wäre der Soziale Dienst, wie bisher Wehr- oder Zivildienst, obligatorisch, für junge Frauen, anders als bisher, ein offenes Angebot, und zwar außerhalb und innerhalb der Bundeswehr.

Drei Aspekte machen einen Sozialen Dienst sinnvoll: die veränderten Lebensverhältnisse von Kindern und Jugendlichen; der Versuch, in einer erfolgreichen Wirtschaftsgesellschaft auch der praktizierten Solidarität eine Chance zu geben – und dies alles in der Hoffnung, durch ein soziales Training für junge Männer die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung (Der Mann "verdient", die Frau "dient", was immer sie sonst noch tun mag) wenigstens einmal konsequent und mit einiger Aussicht auf Erfolg zu durchbrechen.

Kinder und Jugendliche wachsen heute nicht mehr in einer gleichsam "natürlichen" sozialen Umwelt auf, mit Geschwistern und Großeltern, auf Straßen, Bolzplätzen und in lebendigen Nachbarschaften. Sie verbringen die meiste Zeit ihrer jungen Jahre, vom Kindergarten über die Schule bis hin zur Universität, in mehr oder weniger geschlossenen Institutionen. Pädagogen sprechen von der "veranstalteten", von der "institutionalisierten" Kindheit und Jugend. Um junge Menschen auf die Welt der Erwachsenen vorzubereiten, schotten wir sie, in einer Gesellschaft der Gleichaltrigen, erst einmal von dieser Welt ab. "Non scholae sed vitae discimus", nie hat dieses Sextaner-Motto so wenig gegolten wie heute. Die Folgen: Sie lernen mehr und wissen weniger, ihre sozialen Erfahrungen werden immer geringer. Der Markt der Jugendkulturen und der Freizeitangebote ist reich, die Gesellschaft aber ist arm an sozialen Angeboten für junge Menschen, gemeinsam mit anderen etwas Sinnvolles zu tun. Sicher, es gibt viele Orte, wo sie ihre Zeit verbringen und sich ausprobieren können, aber wo können sie sich engagieren oder auch nur austoben? Diese Entwicklung kommt fast einem organisierten Glücksverbot gleich: Menschen, die ihr Leben als Aufgabe betrachten, die sich in überpersönliche Verpflichtungen eingebunden fühlen, sind glücklicher und aktiver; depressive Stimmungen aber wuchern, wo sich das Gefühl breitmacht, nicht gebraucht zu werden.

Eine Gesellschaft, die ihrer Jugend keine Angebote macht, Energien und Engagement konstruktiv auszuleben, braucht sich nicht zu wundern, wenn sich diese destruktiv entladen. Wer nie im Umgang mit anderen, mit Stärkeren und mit Schwächeren, positive soziale Erfahrungen machen konnte, kann dann immer noch sein gebrochenes Selbstwertgefühl mit Gewalt gegen Asylbewerber, Behinderte, Ausländer wieder zusammenflicken, und dafür haben wir dann ja bekanntlich die Polizei, oder auch nicht. Auch moralische Zyniker werden zugeben: Es ist besser, die Jugend zum Adressaten von Ansprüchen zu machen – als zum Einsatzfeld der Polizei.

Wer junge Menschen persönlich und sozial unterfordert, tut ihnen keinen Gefallen, denn sie sind immer auch moralische Wesen. Der Sozialpsychologe Gerhard Schmidtchen hat in zahlreichen Untersuchungen, jüngst in seinem Buch "Moralbilder und Wertkonflikte junger Menschen" (Verlag Leske & Budrich) zeigen können, daß sie ausgesprochen wertorientiert urteilen und auch handeln. Sie genießen den Konsum, wollen ihm aber nicht alles unterordnen. Sie denken an ihre Zukunft, wollen aber ihrer Karriere nicht alles opfern. Die "unerfüllten Moralsehnsüchte junger Menschen", von denen Schmidtchen spricht, aber vagabundieren wie herrenlose Hunde.