Von Matthias Naß

Seoul

Sollte dies die "koreanische Krankheit" sein, es lohnte sich, sie einen Moment zu genießen. "Jenny’s Café" ist eine Oase der Ruhe in der brodelnden Zehnmillionenmetropole Seoul. Die Musik klingt gedämpft, der Tee wird in Tassen aus feinem Porzellan serviert. Die Kellner mit ihren breiten, farbigen Hosenträgern sind so schweigsam wie die jungen Gäste, die ihre Zigarretten lässig am Aschenbecher abstreifen. Ein Sonntagnachmittag bei Schneegestöber in Seoul läßt sich kaum angenehmer verbringen als in "Jenny’s Café".

Doch die Seouler Stadtverwaltung hat dem "dekadenten" Treiben im Viertel Apkujong-dong mit seinen Boutiquen, Bars, Restaurants und "Gourmet Coffee Houses" den Kampf angesagt: Bis zum 10. März müssen alle fremdsprachigen Reklameschilder und Namenszüge entfernt sein. Sie verführen angeblich die Kinder neureicher Eltern dazu, schamlos mit Geld um sich zu werfen und damit ihren weniger begüterten Altersgenossen ein schlechtes Beispiel zu bieten.

Nein, Südkoreas neuer Staatspräsident Kim Young Sam kann unmöglich "Jenny’s Café" in Apkujong-dong im Sinn gehabt haben, als er vor der "koreanischen Krankheit" warnte und in seiner Antrittsrede vor einer Woche seine Landsleute beschwor, ein "neues Korea" zu schaffen: "Wir scheinen unseren Fleiß und unseren Einfallsreichtum zu verlieren. Unserer Gesellschaft droht der Niedergang, wenn unsere Werte weiter verfallen. Das koreanische Volk scheint das Vertrauen in sich selber verloren zu haben. Das ist der Kern unseres Problems."

Dem Chef des Daewoo-Forschungsinstituts hat der Präsident allerdings aus dem Herzen gesprochen: "Wir brauchen eine neue Ethik, eine neue Moral", davon ist er überzeugt. Denn die Korruption fresse sich immer tiefer in die Gesellschaft. Die Menschen seien vom Anspruchsdenken infiziert. "Ich sehe mehr und mehr Unordnung und Chaos."

Ein hochrangiger ehemaliger Beamter dagegen hält das Geraune von der "koreanischen Krankheit" für baren Unsinn: "Ich kann am Rückgang des Wachstums nicht ablesen, daß die Leute faul und träge geworden seien." Dennoch habe Kim Young Sams Parole im Volk einen Nerv getroffen. Zwar sei die Zeit der autoritären Militärregime vorüber, aber viele Menschen seien nun besorgt, der Staat habe jegliche Autorität verloren. Roh Tae Woo, der Präsident der vergangenen fünf Jahre, habe als unentschlossen, führungsschwach und opportunistisch gegolten. Nun beruhige Kim Young Sam die Bürger: Wir müssen Recht und Ordnung, die "soziale Disziplin" wiederherstellen.