Schon wenige Tage nach der Shetland-Katastrophe wurden Stimmen der Entwarnung laut: Das aus dem gestrandeten Tanker Braer ausgelaufene Öl sei vom Sturm buchstäblich in alle Winde verstreut und von der tobenden See verschluckt worden. Doch die gute Nachricht hielt nicht lange: Nur wenige Tage später berichtete das britische Wissenschaftsmagazin New Scientist, daß das Öl als brauner Schaum zurückgekehrt sei und große Teile der Küste bedecke. Der „Mousse“ genannte Schaum dringe dabei auch in felsige Meeresarme ein, die vorher vom Ölteppich verschont geblieben seien.

„Das Verhalten des Öls hat jeden verblüfft“, sagt John Baxter von der Organisation Scottish Natural Heritage. Eine weitere Verblüffung könnte folgen: Die Langzeitfolgen einer Ölpest scheinen gravierender zu sein als bislang angenommen. Wie Wissenschaftler vor kurzem auf einem Treffen in Anchorage mitteilten, sind Seevögel nur die ersten, aber nicht die einzigen Opfer von Ölkatastrophen. Die Forscher beziehen sich dabei auf die Ergebnisse ihrer vier Jahre dauernden Studie, die klären sollte, wie sich die Havarie der Exxon Valdez vor der Küste Alaskas auf die Tierwelt auswirkte. Das Alaska-Drama wird damit zum bestuntersuchten Tänkerunglück. Die Bilanz der Forscher ist erschreckend: Sie fanden alle Arten von Tod und Siechtum – die Tiere waren verstümmelt, erstickt und erfroren. Heringe waren durch eine ölbedingte Genveränderung kieferlos geworden, Vögel konnten nicht mehr brüten, Killerwale schwammen in die Irre, und Seehunde wiesen Hirnschäden auf, die auch von Menschen bekannt sind, die Lösungsmittel eingeatmet haben.

Von Entwarnung kann also auch dann keine Rede sein, wenn das Öl scheinbar verschwunden ist. Noch einen Ton schwärzer färbt das ohnehin schon düstere Bild eine Meldung der Norddeutschen Naturschutzakademie, die zusammen mit dem Bundesamt für Seeschiffahrt fünf Jahre lang den Zustand der deutschen Küsten unter die Lupe genommen hat. Ihre Studie weist auf die tausend Vögel hin, die jedes Jahr mit veröltem Gefieder gefunden werden – obwohl die Nordsee von Tankerunglücken bislang verschont geblieben ist. Schuld an der schleichenden Ölpest seien Kapitäne, die verbrauchtes Maschinenöl ins Meer ablassen, um es schnell und daher kostengünstig loszuwerden. Christian Weymayr