DIE ZEIT: Eine Ihrer ersten politischen Erfahrungen war es, Zeuge eines Verrats zu werden. Wie kam es dazu?

WALTER JENS: Auf der Schule, auf dem Gymnasium, dem Hamburger Johanneum, 1934, ich war elf, hatten wir einen Lehrer, Ernst Fritz, einen entschlossenen Gegner der Nazis. Ein Mann, der mit seiner Haltung auch vor uns Kindern nicht hinter dem Berg hielt. So nahm er, das werde ich nie vergessen, im Latein-Unterricht das Horst-Wessel-Lied durch: „Kameraden, die Rotfront und Reaktion erschossen, marschier’n im Geist in unsern Reihen mit“ – wer erschießt hier wen? Die Kameraden die Rotfront – das kann Horst Wessel doch nicht gemeint haben. Umgekehrt klingt’s aber äußerst mißglückt. Sei dem, wie dem sei, wir wollen das Lied ins Lateinische übersetzen: Sodales qui necaverunt oder: Sodales qui necati sunt oder vielleicht sogar: Sodales qui necabant – andauernde Vergangenheit, das heißt: die Kameraden von der SA töten immer noch. Das war politische Grammatik. Ernst Fritz wurde auch noch direkter – Was ist der Unterschied zwischen einem Hund und einem SA-Mann? Der Hund hebt das Bein –, und es war nur eine Frage der Zeit, bis ihn Klassenkameraden, die der Lehrer einer Nachbarschule dazu angestiftet hatte, denunzierten. Wir wurden verhört...

Von den anderen Lehrern?

JENS: Von der Polizei! Ich behauptete, nichts gehört und nichts gesehen zu haben. Ich habe mir später einmal die Protokolle, die erhalten blieben, angesehen: „Jens leugnet alles, auch was der Lehrer schon zugegeben hat.“ Den Beamten sehe ich noch heute vor mir, wie er mit dem Bleistift spielt und mit dem stumpfen Ende auf die Tischplatte klopft: „Du hast mich einmal belogen. Du hast mich zweimal belogen. Ein drittes Mal“ – und er dreht den Bleistift um – „wirst du mich nicht belügen.“ Der größere Teil der Klasse verweigerte sich, der kleinere machte mit. Ernst Fritz kam ins Gefängnis, ins KZ. Nach dem Krieg kehrte er an das Gymnasium zurück, war aber, wie das ebenso brutal wie wahr heißt, im Unterricht nicht mehr verwendbar.

Gab es für Sie keinen Moment der Versuchung mitzumachen?

JENS: Nein. Aber das war überhaupt kein persönlicher Heroismus, nicht mal bürgerliche Wohlanständigkeit. Ich stand ganz einfach außen vor. Weil ich krank war, schwerer Asthmatiker. Älter als dreißig, sagte man mir, werden Sie sowieso nicht. Und ich stand außen vor, weil ich von Anfang an, von Kindheit an, die Literatur liebte, lesen und schreiben wollte. Wie oft lag ich damals krank im Bett, spielte dann Sprachspiele mit meiner Mutter, Sätze-Zergliedern und dergleichen. Und was stand mir in den dreißiger Jahren schon für ein Leben bevor? In einer Zeit, in der Döblin und Thomas und Heinrich Mann aus Deutschland fliehen mußten und statt dessen ein Grimm, ein Kolbenheyer, ein Vesper herrschten – was sollte da Literatur? Was sollte in dieser heldischen Zeit aus einem Würstchen wie mir werden, das von den Nazi-Lehrern nur als „Sie Kaffeehaus-Literat“ angeredet wurde, was sollte aus dem werden? Nein, da gab es nichts, da gab es schon aus bloßem Überlebenstrieb keinen Moment, in dem ich nicht die Niederlage der Nazis herbeigefleht hätte!

Ihrer Krankheit verdanken Sie auch das Privileg, daß Sie, statt schießen zu müssen, im Krieg studieren konnten. Hieß das nicht Anpassung?