ZEIT: Vor zehn Jahren wurde das Aids-Virus entdeckt. Die Ausbreitung der Immunschwächekrankheit geriet zu einem Schrecken ohne Ende. Wie viele Aids-Kranke und -Infizierte gibt es inzwischen in Deutschland?

Koch: Ganz exakte Zahlen kann Ihnen niemand nennen. Dem Aids-Zentrum werden jährlich circa 1600 neue Aids-Erkrankungen gemeldet. Wir gehen jedoch von einer Dunkelziffer von etwa zwanzig Prozent aus und schätzen, daß es tatsächlich etwa 2000 Fälle pro Jahr sind. Die Zahl der Infizierten ist noch weniger genau bekannt. Sie dürfte bei etwa 50 000 bis 60 000 liegen.

ZEIT: Von diesen Zahlen sind Sie bereits vor drei bis vier Jahren ausgegangen. Stagniert die Zahl der HIV-Positiven, oder wurde sie früher überschätzt?

Koch: Die Zahlen stagnieren leider nicht. Wir sind aber bei unseren Schätzungen zurückhaltender geworden. Manches deutet sogar auf eine sinkende Tendenz im Vergleich zu 1985. Aber wegen der großen Unsicherheit der Daten sollte man mit Trendprognosen äußerst vorsichtig sein.

ZEIT: Die Weltgesundheitsorganisation WHO sagt bis zum Jahr 2000 für Europa und Nordamerika sinkende Raten der jährlichen Neuinfektionen voraus.

Koch: Für die übrigen Kontinente, insbesondere Afrika und Asien, sagt die WHO hingegen einen starken Anstieg der Infektionen voraus. Man sollte all diese Prognosen mit Skepsis betrachten. Beispielsweise nimmt die WHO für Afrika fünfmal mehr Aids-Fälle an, als offiziell gemeldet wurden. Dieser enorme Unterschied läßt erahnen, wie groß die Unsicherheiten sind.

ZEIT: Dem heterosexuellen deutschen Durchschnittsbürger läßt sich jedoch sagen, daß die vielfach an die Wand gemalte verheerende Seuche hierzulande nicht aufgetreten ist. Kann bei den vorliegenden Zahlen überhaupt von einer Epidemie unter Heterosexuellen die Rede sein?