Von Sabine Etzold

Christa Wolf alias IM Margarete, Heinrich Fink alias IM Heiner, Manfred Stolpe alias IM Sekretär – wie eigentlich kamen die Inoffiziellen Stasi-Mitarbeiter an ihre Decknamen? Eher ein Seitenthema der DDR-Vergangenheitsbewältigung, sollte man meinen. Doch nicht abseitig genug, um nicht das Interesse der Wissenschaft zu wecken. Ingrid Kühn, Germanistin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, unterzog die 4500 Decknamen, die in den Listen der ehemaligen Bezirksverwaltung der Staatssicherheit Halle für die Jahre 1986 bis 1989 verzeichnet sind, einer gründlichen Untersuchung und förderte dabei Motive und Ordnungsprinzipien der Namensgebung zutage, deren Besonderheit eigentlich nur darin besteht, daß sie verblüffend naheliegend sind.

Die Stasi-Decknamen scheinen alle Elemente der großen Gruppe "inoffizieller Personennamen", wie es wissenschaftlich heißt, also der Spitz-, Bei-, Über-, Neck-, Scherz-, Ekel-, Spott-, Tarn- und Scheinnamen in sich zu vereinen. Anders aber als bei diesen Namen war bei den Stasi-Namen der neubenannte IM immer an der "Taufe" beteiligt; er wußte davon, konnte unter Umständen Zustimmung, Ablehnung, Engagement, Gleichgültigkeit oder eigene Phantasie ins Namensspiel bringen – solange der Führungsoffizier nichts dagegen hatte. Diese Besonderheit nun eröffnet das Thema der Motivforschung oder zumindest doch der Spekulation, etwa nach der Devise: Sage mir deinen Decknamen, und ich sage dir, wer du bist.

So gibt es zum Beispiel die schlichte, man möchte fast vermuten, indifferente Gruppe der Vor- und Familiennamensträger – das große Heer der IM Paul, Dora, Rolf, Müller, Schneider, Wagner und dergleichen. Dann sind da die verkappten Patrioten, die ihren Heimatort zum Namensgeber machten, wie zum Beispiel die IM Apolda, Merseburg oder Harz und den Kellner aus dem Interhotel Halle, der sich als IM Varna wenigstens dem Namen nach in sein Ferienparadies hineinträumen konnte.

Bei einigen IM mußte die Selbstverwirklichung per Deckname allerdings Einbußen hinnehmen. Professoren wurden – bis auf zwei Ausnahmen – grundsätzlich zum einfachen Dr. degradiert. Viele Inoffizielle trugen ihre eigenen Kose- oder Spitznamen und firmierten als IM Rolli oder Molly, Queeni oder Blümchen. Manchem fiel nur das Antonym zum eigenen Namen ein, und so wurde aus dem Familiennamen Licht der IM Dunkel.

Eine große Gruppe nahm sich den eigenen Beruf zur Vorlage. Der stellvertretende Chefarzt eines pathologischen Instituts wurde zum IM Pathologe, eine Friseurin zu IM Figaro, ein Bereichsleiter beim Karthographischen Dienst: IM Kompaß, ein Verlagsdirektor: IM Blatt, ein Dienstvorsteher am Bahnhof: IM Tunnel, ein Orchesterdirektor. IM Stock, ein Zahnarzt: IM Bohrer, ein anderer: IM Brücke und ein Mitarbeiter des Wohnbaukombinats: IM Hohldiele. Daß mitunter ein gewisser Sinn für Humor im Spiel war, läßt ein Hauptbuchhalter vermuten, der sich IM Manko nannte.

Angehörige intellektueller oder künstlerischer Berufe rankten sich gern an Vorbildern empor. Ärzte oder Medizinstudenten hießen IM Hippokrates, Albert Schweitzer, Robert Koch oder Röntgen. Ein Musikstudent kam als Paganini daher, der Leiter des zentralen FDJ-Ensembles schreckte selbst vor Beethoven nicht zurück, und ein Germanist trug den Decknamen Faust.