Von Dimitrij Tultschinskij

MOSKAU. – Lese ich morgens über den Polit-Zank „von denen da oben“, drängt sich bei mir ein seit der Schulzeit geläufiges Zitat auf: „Furchtbar fern stehen sie dem Volk.“ Was Lenin seinerzeit über die „Dekabristen“ schrieb, adlige Verschwörer, die 1825 mit einem Aufstand eine liberale Verfassung für Rußland erzwingen wollten, trifft heute auf die Machthaber im Kreml zu.

Indem der russische Präsident Jelzin und Parlamentspräsident Chasbulatow ihre ganze Beredsamkeit im nie enden wollenden Streit um Legitimitätsvorrang aufbieten, entfernen sie sich von den Nöten und Bedürfnissen jenes Volkes, dessen Namen sie stets beschwören.

Warum greifen die Helden des August 1991 einander an, die damals den Putschisten gemeinsam eine einmütige Abfuhr erteilt haben? Die Macht, die Jelzin und seinen Mitstreitern in den Schoß gefallen war, ließ sich offenbar unter den Siegern nicht aufteilen. Es kam zu Reibungen, die nun in einem gefährlichen Konflikt gipfeln.

Nachdem der Regierung und dem Parlament vor anderthalb Jahren ein gewaltiger Vertrauenskredit gewährt worden war, versäumten sie es nun, den Menschen ein würdiges Leben zu sichern. Wer sich von Verantwortung freisprechen möchte, redet etwa so: „Wäre ich der Präsident, hättet ihr alle auf mich gehört und mir freie Hand gelassen, stünden wir jetzt ganz anders da. Übrigens, es ist auch jetzt noch nicht zu spät.“

Diese simplen Sprüche fallen laufend, wenn sich die parlamentarischen und präsidialen Parteien anpöbeln. Alldem hört Iwan, der Normalverbraucher, recht gleichgültig zu.

Erstens ist es für ihn sehr schwer, aus der komplizierten Taktik des politischen Kampfes schlau zu werden. Zweitens haben die Bürger im heutigen Rußland bei Gott ganz andere Probleme. Die Gürtel sind bis ins letzte Loch festgezurrt, und die Inflation galoppiert weiter, jede Woche bis zu zehn Prozent steigend.