Für R.

Keine Muse ohne Dichter; kein Dalí ohne Gala, die ihm die Salamander seiner Zweifel verscheucht; kein Don Quixote ohne Dulcinea, die zunächst hinanzieht, um anschließend als Xantippe runterzuziehn. „Gelegt in die Hände von Lou“ – da wird deutlich hinangezogen. Hingegen die Danksagung in der „Dialektik der Aufklärung“, betreffs Gretel Adorno, die uns bei der Fortbildung der Theorie und den anschließenden gemeinsamen Erfahrungen im schönsten Sinne geholfen hat – das sieht eher nach Ehetrott aus, das riecht nach abgehärmter Opfermaus im Hintergrund. In solchem Kraftfeld bewegen sich nach wie vor die Widmungen männlicher Bücher,

Schuldbewußt widmen sämtliche Fakultäten ihren Output ihren Frauen, Bücher über Schuldnerberatung, Tiefbaustatistik und das Werfen, Fangen und Selbermachen von Bumerangs. Je trockner das jeweilige Thema, desto unrettbarer die Widmungsträgerinnen, auch wenn ihnen Selbständigkeit attestiert wird, siehe Mrs. Fisher, deren Mann ein Buch über den Orgasmus der Frau vorlegte: „Meine Frau hat für das Werden dieser Arbeit eine große Rolle gespielt. Sie hat mir all die Anteilnahme und Unterstützung gegeben, deren Frauen fähig sind, wenn sich ihre Männer einer langwierigen Arbeit widmen. Selbst Psychologin und Medizinerin, unterbreitete sie mir auch eigene Ideen, formulierte Hunderte von hilfreichen Vorschlägen und beteiligte sich aktiv an der Datensammlung.“ Borneman drückt das in seiner „Ullstein Enzyklopädie der Sexualität“ viel lapidarer aus: „Für Sigrid, die Theorie in Praxis umsetzen kann.“

Hier und da kommt es allerdings zu Konflikten, die bis in die Widmungen hinein nachzittern, siehe Benz: „Mein Dank gilt nicht zuletzt meiner Frau, die nicht nur die äußeren Störungen und meine häufige Abwesenheit, mit verständnisvoller Nachsicht ertrug, sondern durch Ansporn und Kritik wesentlich zum Abschluß des Manuskripts beigetragen hat.“ Diese kritische Situation versucht F. Dvorak mit Humor vergebens in den Griff zu kriegen: „Meiner geplagten Elisabeth gewidmet, die nun schon 19 Jahre lang mit soviel Übergewicht verheiratet ist.“ Bei Duhm bricht dann der Streit offen aus, kann allerdings leider noch knapp abgefangen werden: „Widmen möchte ich deshalb dieses Buch einer Frau. An ihr habe ich erfahren, was es bedeutet, wenn Liebe in die Schlingen unterschwelliger Konkurrenz- und Machtverhältnisse gerät. (...) Angesichts harter Clincherfahrungen widme ich das Buch meiner Frau und Freundin Brigitte.“ Das war 1975, anläßlich des Buchs: „Der Mensch ist anders“.

Inzwischen ist einiges geschehen, aber der Mensch immer noch nicht anders, auch wenn Clinch-Erfahrungen aller Art innerhalb der weiterlaufenden Widmungen strategisch verschwiegen werden. Entweder schimmern sie durch oder treten so unverhüllt hervor wie in Duerrs „Nacktheit und Scham“, worin er seiner Frau dankt, „der dieses Buch – dessen Werdegang sie mit gemischten Gefühlen verfolgt hat – gewidmet ist“. So werden Widmungen zu Tributleistungen und wird die Schwelle des Buchs verunziert mit Beschwichtigungssekret, mit Appellen an die Frau, doch bitte die Weiterarbeit von fortan mit etwas weniger gemischten Gefühlen zu verfolgen, oder zu Hilfeschreien in Richtung Publikum und damit zum Racheakt, also zum Anlaß zu noch viel gemischteren Gefühlen, um die so oder so keine umhinkommt, auch nicht die Widmungsträgerin von Lindlaus Recherchen zum Organisierten Verbrechen: „Für Ursula, / die ich im Verdacht habe, / daß es ihr lieber gewesen wäre, / wenn ich ein Buch über Blumen geschrieben hätte.“

Bisweilen steigern sich die gemischten Gefühle bis zu ungemischtem Leid, dann kann eine Widmung zur Beichte und zum Versöhnungsversuch werden, wie in Umbachs Buch über das Millionenspiel mit der Klassik: „Renate hat oft am Autor gelitten, ihr schenkt er sein Buch.“ Doch wäre es keine Lösung, bloß „Für Renate“ oder „Für Rosi“ zu schreiben; selbst hinter der blanken Namensnennung verbirgt sich jeweils die Gesamttragik, die sich übrigens schon im 18. Jahrhundert anbahnt, dort, wo Mörike dichtend seine Muse anruft; er hat zuviel getrunken; sie gibt ihm bloß „schnöden Bafel“ ein – so mischt sich in die Aura des Ewigweiblichen der Dunstkreis dazwischenschnatternder Ehehälfte.

Soll ich es künftig unterlassen, meine Bücher Rosi, Ursula, Marianne, Frau Benz und Mrs. Fisher zu widmen? Soll meine Freundin und Frau Rosi, die wahrlich oft am Autor litt, sich in ihre extrem gemischten Gefühle verbohren und es alsdann bereuen, sich höchst aktiv an der Suche nach geeigneten Widmungen beteiligt, sogar Dutzende eigener hilfreicher Vorschläge formuliert zu haben? Natürlich hat jede Frau irgendwann mal genug vom ständigen Salamanderverscheuchen. Wenn aber den Autoren nicht mehr im schönsten Sinne geholfen wird – wer soll dann die ganzen Bücher über Orgasmus, Organisiertes Verbrechen und Bumerangs schreiben? Sollte Lindlau tatsächlich ein Buch über Blumen schreiben? Renate würde trotzdem am Autor leiden.