Von Dietrich Willier

Ražanac/Sarajevo

Fast blind gleiten die Finger der jungen Frau über die Tastatur des Kurzwellensenders, legen hier einen Kippschalter um, drehen dort an einem der zahlreichen Knöpfe. Dann die Ortung. Die Anzeige bleibt auf 3704,22 Kilohertz stehen. Mit einem Ruck ihrer dünnen Arme hat Vesna Skulić ihren Rollstuhl noch etwas näher an das Mikrophon befördert: "Vesna aus Ražanac ruft Sarajevo, Sarajevo." Sie gibt ihren Code ein. Nur ein Rauschen, nichts geschieht. Dann doch eine Stimme, undeutlich erst, der Name des Empfängers ist nicht zu verstehen, aber der Ort: Sarajevo, die bosnische Hauptstadt.

Die Stimme von Vesnas Amateurfunkkollegen aus der geschundenen Stadt klingt heute abend noch ein wenig resignierter als sonst. "Nichts Neues", meldet er, "ein ganz normaler Tag." Heute morgen hätten drei Granaten gleich neben seiner Wohnung in der Altstadt eingeschlagen, er sei wohlauf, aber als er aus den fensterlosen Öffnungen seines Hauses auf die Straße hinuntergeschaut habe, hätten im schmutzigen Schnee die blutigen Teile von Menschen gelegen. Strom gebe es nicht mehr, das städtische Telefonnetz sei endgültig zusammengebrochen. Dann bricht auch die Funkverbindung ab.

Die 31jährige Vesna wirft die schwarzen Locken aus dem Gesicht und läßt ihren schmalen Körper erschöpft in den Rollstuhl sinken. Kata, ihre ältere Schwester, die wie Vesna an den Rollstuhl gefesselt ist, löst sie ab. Sie hofft, Fadil, der Radio-Amateur aus der eingeschlossenen ostbosnischen Stadt Žepa, möge sich doch noch melden.

Aber der Versuch ist vergeblich. "Manchmal bin ich so müde", sagt Vesna, "und so traurig über das Schicksal der Kinder." Doch dann rafft sie sich wieder auf und übernimmt das Mikrophon von Kata. Vierundzwanzig Stunden am Tag sind die beiden an multipler Sklerose erkrankten Schwestern auf Sendung oder Empfang, und das seit acht Monaten. Hunderte von bosnischen Flüchtlingen haben über Kata und Vesna Kontakt zu ihren Angehörigen in den serbisch besetzten Gebieten West- oder Ostbosniens bekommen. In zähen Verhandlungen haben sie den Kommandanten der bosnischen Konfliktparteien Zusagen für die Evakuierung verletzter Kinder aus Sarajevo abgetrotzt oder Medikamentenlieferungen per Funkkontakt, sicher in nordbosnische Krankenhäuser gelotst.

"Wir müssen doch helfen", sagt Vesna, "ohne die Radioamateure würde die Welt aus vielen Gegenden Bosniens gar nichts erfahren." Dann bittet sie uns in die Küche, es gibt Spiegeleier, Speck und selbstgebackenes Brot. Vesnas Vater hat einen Krug Wein aus dem Keller geholt. Weiter weg traut sich der alte Mann jetzt nur selten. Seit Ende Januar die kroatische Offensive zur Rückeroberung der Krajina begonnen hat, liegt auch Ra-žanac, das kleine Dorf der Familie Skulić, wieder unter serbischem Beschuß.