Mit einer strategischen Kehrtwende in der 67jährigen Firmengeschichte wollen die Manager des britischen Chemieriesen Imperial Chemical Industries (ICI) die Gesetze der Rechenkunst überlisten. Sie wollen zeigen, daß eins plus eins mehr ergeben kann als zwei.

Wie andere große Chemiekonzerne folgte ICI in den vergangenen Jahren der vorherrschenden Doktrin, mehr und größer sei auch besser und wucherte zu einem chemischen Gemischtwarenladen, der inzwischen achtzig Prozent seines Umsatzes außerhalb Großbritanniens erzielt. Nun will sich ICI in zwei völlig selbständig geführte börsennotierte Unternehmen aufteilen: Zeneca und ICI. "Diese Entflechtung", so läßt sich Vorsitzender Sir Denys Henderson vernehmen, "wird den Wert für unsere Aktionäre steigern". Wenn die über 300 000 Anteilseigner den Plänen zustimmen und im Juni die Teilung erfolgt, so hofft Henderson, werde der Wert ihrer beiden Aktien zusammengenommen höher sein als der Kurs von zwölf Pfund, zu dem die "alte" ICI-Aktie jetzt notiert.

"Das größte Abenteuer seit unserer Gründung im Jahr 1926" soll das Unternehmen für das nächste Jahrhundert fit machen. Ohne unnötigen Ballast sollen die neue Firme Zeneca mit ihrer (dominierenden) Pharmasparte, Pflanzenschutz, Saatgut und Spezialprodukten sowie die "alte neue "ICI mit Industriechemikalien, Lacken und Farben und Kunststoffen (siehe Tabelle) der Konkurrenz das Fürchten lehren.

Der Schritt entbehrt nicht der Ironie. Vor fast zwei Jahren erschreckte der Mischkonzern Hanson die ICI-Direktoren, als er in einem Handstreich an der Börse knapp drei Prozent des ICI-Kapitals kaufte und mit Übernahme drohte. Firmenhändler Lord Hanson bot dem Chemiekaufhaus seine Erfahrungen in der Zerlegung von Konzernen an. Vielen Briten kam damals der Griff nach ICI wie ein Sakrileg vor. "ICI ist kein Spielzeug", donnerte Henderson und mobilisierte die erfolgreiche Abwehr des Übernahmeversuchs.

Aber der Angriff Hansons wirkte wie ein Katalysator in einem Prozeß, der schon im Gange war und nun in der "chemischen Kernspaltung" kulminieren soll.

Die Trennung hat zumindest in dieser Art und Größenordnung keine Vorbilder. Sie verläuft nicht wie die von den Siegermächten verfügte Entflechtung in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, als die 1925 gegründete Interessen-Gemeinschaft Farbenindustrie mehr nach regionalen Gesichtspunkten und Zufällen aufgelöst wurde und Nachfolger wie BASF, Bayer und Hoechst entstanden. ICI will sich vielmehr nach logischen Zusammenhängen, die mit Märkten, Produkten und Technik zu tun haben, entflechten. Im Hinblick auf Forschungsintensität, Kapitalbedarf und Produktionstechnik, Investitionszyklen, Kundenkreis und Mentalität der Beschäftigten hat man so viele Unterschiede entdeckt, daß seit Juli 1992 eine Trennung ganz offiziell als logische Entwicklung propagiert wird.