Lillian Gish

Eben hatte sie noch mit dem Mädchen gezankt, dann entschlief sie sanft, die langen grauweißen Haare neben dem immer noch gütigen Gesicht. Sie lag schon tot, als ihr Bruder, der tattrige Erzbischof, hereinkam, um mit ihr über die Trauung zu sprechen, die er eben in gewohnter Schusseligkeit vollzogen hatte. Er merkte nichts, schlich wieder hinaus, weil er sie schlafend wähnte. Das war 1978, in Robert Altmans Film „Eine Hochzeit“, ihr letzter großer Auftritt als Stammutter. Aber Lillian Gish konnte gar nicht sterben. Weiter reiste sie in der Welt herum, beehrte Festivals mit ihrer Gegenwart, ließ sich von Leuten feiern, die keinen einzigen ihrer frühen Filme kannten. D.W. Griffith hatte sie und ihre Schwester Dorothy noch vor dem Ersten Weltkrieg entdeckt. Für ihn spielte sie mit zwanzig die erste gütige Mutter, die Frau an der Wiege in „Intolerance“ (1916). Nebenher bemutterte sie den 22 Jahre älteren Griffith, suchte Bildmuster aus, machte seine Regieassistentin. 1921 führte sie als wahrscheinlich erste Frau selber Regie: „Remodelling her husband“. Ein einzigartiger Vertrag mit MGM garantierte ihr die „künstlerische Kontrolle“ über alle Filme, in denen sie mitwirkte. Als Griffith aus der Mode kam, verließ auch sie Hollywood und spielte Theater in New York. Jedes ihrer Gastspiele im Film war ein Fest. In Selznicks Fiebertraum „Duell in der Sonne“ (1946) gab sie wieder eine Mutter, die ansehen mußte, wie sich ihre Söhne wegen einer Frau umbrachten. Und in der „Nacht des Jägers“ (1955) von Charles Laughton ist sie die Leiterin des Heims, in dem die Kinder vor den Nachstellungen des Predigers Zuflucht finden. Weil Laughton mit einem Schauspieler Streit anfing, mußte sie in einigen Szenen wieder die Regie übernehmen. Lillian Gish war endgültig Mutter Amerika geworden. Am vergangenen Samstag in New York war sie 96 oder 98 oder 99, aber gestorben ist sie nicht. Sie schläft nur.

Mirov

Mirov heißt Mensch, und zwar auf kurdisch. Eine immer wieder verbotene, eine verfolgte Sprache. Eine Sprache, die offiziell gar nicht existieren darf. Denn in diesem einen Punkt sind sich die Feinde Iran, Irak und die Türkei untereinander grausam einig: Kurdistan gibt es nicht. Jetzt hat der in Berlin lebende Dichter Feryad Fazil Omar in jahrelanger Arbeit seiner Muttersprache (und der Sprache seines Gastlandes zugleich) ein Denkmal gesetzt: ein gewaltiges „Kurdisch-deutsches Wörterbuch“, das auf 721 Seiten alle Wörter der kurdischen Sprache – in lateinischer Transskription und arabischer Schrift – ins Deutsche übersetzt, das erste kurdisch-deutsche Lexikon überhaupt. Erschienen ist das Buch, das von den Kurdischen Studien Berlin und dem Institut für Iranistik der Freien Universität herausgegeben wurde, im Verlag Wissenschaft und Bildung, Amand Aglaster, Markgrafenstraße 67, W-1000 Berlin 61, und kostet 89 Mark.