Ganz sicher war sich nicht einmal der Bundesbildungsminister: Hatten die Ministerpräsidenten der Länder sich bei ihrem Treffen am Wochenende nun darauf geeinigt, das 13. Schuljahr abzuschaffen, oder nicht? Sie hatten – vorläufig – nicht, es waren vielmehr die Finanzminister gewesen, und die hatten damit den gesamten Staub aufgewirbelt, der schon seit Jahrzehnten auf diesem Thema lagert

Über dem Streit um die Frage, ob deutsche Schüler bereits nach zwölf oder erst nach dreizehn Jahren reif für die Reifeprüfung sind, ist die Nation, grob gegliedert, in zwei Lager zerfallen. Auf der einen Seite stehen die Traditionalisten und Befürworter des Status quo, allen voran die Lehrer und deren Verbandsvertreter, bei denen sich die Sorge um pädagogische Qualität und um die eigene Planstelle in wunderbarer Weise verbindet. Hinter ihnen sammeln sich verunsicherte Eltern und Schüler. Hier ist auch die große Gruppe der Spät-Reformatoren zu finden, die unbeirrt daran festhalten, daß die Reifezeit zum mündigen Bürger, zu Kritikfähigkeit, Kreativität, ästhetischer Kompetenz und sozialer Verantwortung genau dreizehn Jahre betrage.

Ihnen gegenüber formierten sich schon seit Jahren immer stärker die Befürworter der zwölf Jahre, die jetzt leider von den Sparkommissaren dominiert werden. Bis zu 15 000 Lehrerstellen hoffen die Finanzminister abzuschmelzen. Sie können sich von denjenigen unterstützt fühlen, die schon immer für eine zwölfjährige Schulzeit plädiert haben – von der Wirtschaft, die sich jüngere Nachwuchskräfte wünscht, und von den Kultusministern der neuen Bundesländer, die bis auf Brandenburg dem zwölfjährigen DDR-Abschluß treu geblieben sind. Doch auch in den alten Bundesländern gewinnt die Fraktion der Verkürzer immer mehr an Boden.

Beide Fraktionen beschimpfen sich nach Kräften. Input/Output-besessene Kapitalistenknechte hie, pädagogiktrunkene Selbstverwirklichungsapostel da. Bei einem solchen Frontenverlauf fällt es schwer, die Schulzeitdebatte mit Besonnenheit zu führen. Es kann ja in der Tat gefragt werden, ob eine längere Schulzeit automatisch auch eine bessere ist. Der augenblickliche Wissensstand vieler Abiturienten nährt in beunruhigender Weise den Verdacht, daß sie ihre "Fertigkeiten" auch in zwölf oder gar weniger Jahren mühelos hätten erreichen können.

Den neuen Bundesländern verdanken wir immerhin die Erkenntnis, daß ein Abiturient mit dreizehn Schuljahren nicht unbedingt klüger oder "studierfähiger" ist als einer mit zwölf Jahren; denn daß die Studenten der ehemaligen DDR "schlechter" wären als ihre Kommilitonen aus dem Westen, hat bislang niemand ernsthaft behauptet, geschweige denn nachgewiesen.

Die Schulzeitverkürzung hat, wie gesagt, ihre Vorzüge – allem voran die Aussicht, daß volljährige Staatsbürger dann keine Schulkinder mehr wären. Allerdings ließe sie sich nur dann sinnvoll einführen, wenn die Unterrichtsbedingungen verbessert, der Lehrstoff entrümpelt und gestrafft, die Lehrinhalte sorgfältig auf Sinnvolles und Verzichtbares abgeklopft, die Schulklassen verkleinert und die ewigen Zwangspausen, die durch Unterrichtsausfall entstehen, beseitigt werden; das heißt, es ginge nur, wenn nicht an der Zahl der Lehrer gespart wird.

Dies alles sind keine neuen Überlegungen. Aber als die allgemeine Finanzlage eine solche strukturelle Reform noch zuließ, fehlte der politische Wille zur Durchsetzung. Jetzt ist es allerdings zu spät, der Geldmangel diktiert. Die Chance ist verpaßt, nun wird vermutlich nicht mehr reformiert, sondern einfach nur noch rationiert.

Sabine Etzold