Doch, da haben auch wir einen Wunsch, 1 Wunsch hat jeder frei, wenn’s um das neue Berlin geht, und viele liebe Menschen haben ja schon verkündet, was sie sich wünschen: einen verpackten Reichstag zum Beispiel oder Olympia 2000 oder ein neues Schloß oder endlich einen Centralbahnhof... also, da haben auch wir einen Wunsch, doch davon später.

Zunächst Salut! Salut für die erste deutsche Republik, eine ganz klitzekleine Republik war das nur, leider, die Mainzer Republik, die am 18. März vor absolut 200 Jahren im rheinlandpfälzischen Landtag (soll heißen: in dem schönen Barockpalais am Rhein, in dem sich heute der Landtag befindet) ausgerufen wurde. "Die Repräsentanten des freien deutschen Volkes, durchdrungen vom Hochgefühl ihrer Würde, erhoben sich von ihren Sitzen und erklärten die Souveränität des deutschen Volkes." Es lebe die Republik! Hurra! Hurra!! Hurra!!!

Das also wäre erledigt, Sie können sich wieder setzen, lieber Leser. Genauso wie die Republik bald erledigt war, sich kurz nach jenem Staatsakt an die der Franzosen anschloß und ein paar Wochen später endgültig unterging im Feuer der kaiserlichen Truppen, die die Stadt umzingelt hatten. Aber, trotz seiner kurzen Dauer: Der rheinischdeutsche Nationalkonvent war das erste halbwegs frei gewählte deutsche Parlament! (Acht Prozent Wahlbeteiligung in Mainz? Mag sein, aber auch den französischen Nationalkonvent hatten in Paris nur zehn Prozent der Bürger legitimiert.) Es war der erste Versuch, innerhalb der Grenzen des Alten Reichs ein parlamentarisches System zu etablieren. In Mainz, in Köln, in Ulm und anderen Orten wurde an Konstitutionen gebastelt; die erste "republikanische Verfassungsurkunde, wie sie in (ganz) Deutschland taugen möchte", ging 1799 zu Basel in Druck. Bitte, ein für allemal: 1799 – Entwurf der 1. deutschen Verfassung!

All das war vergessen, ging verloren im brunzdummen 19. Jahrhundert, als Deutschlands Bürger, spätestens nach der Revolution von 48, auf Kaiser und Nation setzten statt auf Parlament und Republik. All das mußte erst in unseren Tagen mühsam wieder aufgespürt werden – pflichtgemäß von den Historikern der DDR, langsam, gegen die zähe Ignoranz der alten Nazi- und nationalkonservativen Professoren, auch von jungen Jakobinern im Westen. In diesem Monat nun werden die Ex-West- und Ex-Ost-Historiker am Rhein gemeinsam feiern; es wird, am 18. März, hochoffiziell eine Prunksitzung im Mainzer Landtag geben, ein "Fest für Bürgerinnen und Bürger", Ausstellungen, Vorträge – und all den Streit, der immer dazugehört, wenn’s um Politik und Geschichte geht: wie demokratisch und parlamentarisch die Mainzer Republik denn nun wirklich war und warum der Funke nicht übersprang, sondern schon ein bißchen weiter östlich, in Frankfurt, wieder erlosch, wo preußische Truppen im Verein mit Frankfurter Bürgern die französischen Freischärler vertrieben. (Ja, in Frankfurt, wo man – wir trauten bei einem Besuch der ehrwürdigen Stätte unseren Augen nicht – ausgerechnet in der neuen ständigen Ausstellung der Paulskirche die moderne deutsche Verfassungs- und Parlamentsgeschichte immer noch im Vormärz anfangen läßt!)

"Das Weltgeschehen", schrieb Thomas Mann, stilistisch vielleicht nicht ganz geglückt, "das Weltgeschehen ist ein Kulissengeschiebe von Anfängen." Und ein solcher Anfang, Anfang eines Anfangs, war die Mainzer Republik. Daher nun also unser kleiner Wunsch, wirklich ganz bescheiden, für die Hauptstadt: eine Erinnerung an diesen Anfang! Eine hübsche Statue vielleicht, sehr geehrte Frau Süssmuth, von Georg Forster, dem Gründervater des Mainzer Konvents, dem ersten deutschen Demokraten überhaupt, Kosmopoliten, Weltumsegler, eine hübsche Forster-Statue vor dem Reichstag, da, wo früher der Demokratieverächter Bismarck stand und heute, verlegen, ein schwarzrotgoldnes Fähnchen weht – das wäre schön! Oder wenigstens – wenigstens ein kleiner Obelisk, vielleicht nur mit den vier kostengünstigen Worten: 500 km bis Mainz. Benedikt Erenz