Es gab ein Marschlied, in dem morsche Knochen besungen wurden und Marschblöcke und Marschsäulen, und es gab: Ab marsch, marsch in die Gaskammern... Doch die Welt horchte nicht auf.

Richtig zugehört wurde jedoch, als die Atomkraftgegner und Friedensbewegten sich lautstark bemerkbar machten, als gegen die Umweltverschmutzung marschiert wurde, sogar mit Kinderwagen. Und nun: Lichterketten, Lichterkreuze, Lichterschleifen, Lichtermeere; das anständige Deutschland im Abwehrkampf gegen Fremdenfeindlichkeit und Ausländerhaß, Mitläufer, wie gewohnt, immer eingeschlossen. Es wurde Licht, und es ward Licht. Eine Inszenierung von Weltrang hatte Uraufführung.

Das hatte mir mein Nebenmann am Ende eines Lichterzuges zugetuschelt; es wirkte abgespult und auswendig gelernt. Das sagte ich ihm gleich, und er antwortete, daß er auch gegen jegliche Form von vertuschter Ausfragerei sei, das wäre ihm ebenfalls zu deutsch. Dieser Lang- und Schwarzhaarige wird in öffentlichen Verkehrsmitteln öfter für einen Drogendealer und Asylanten gehalten; stets läuft er in einem grellen Blouson und Turnschuhen herum. Dann stellt er die Nörgler laut und deutlich in gezieltem Hochdeutsch zur Rede. Danach gibt es ein besonders geschlossenes Gottseidank. Er geht auch in Asylantenheime und versucht, den jüngeren Balkan-Asylanten auszureden, deutsche Mädchen anzumachen. Die Zeit sei noch nicht reif dafür.

Und er bemängelte, daß keiner dieser Kerzenhalter in Asylantenheime ginge, um den Asylanten das Notwendigste an Deutsch beizubringen, wie „Alles Gute“, „Tschüs“, „Schönen Abend“ und „Gute Nacht“. Oder sie einmal zu Spritztouren mit Kaffee und Kuchen einlädt und zu Gesprächen von Müttern zu Müttern und Mann zu Mann. Daß unter den Hunderttausenden von Asylanten auch Betrüger und Diebe seien, müsse man bei der gleichen Zahl Deutscher ja auch hinnehmen. Er beruhigt sich auch immer selbst: Der Judenhaß sei in Rußland längst wieder zur Gewohnheit geworden, ganz Osteuropa habe damit zu tun. Und bei uns? Der Dummheit eines Rudels Halbwüchsiger könne es niemals gelingen, daß sich die Geschichte wiederhole.

Er besteht darauf, daß Asylantenhaß ist, was mit Fremdenhaß verwechselt wird, und meint, solange wir in der ganzen Welt ununterbrochen im Büßerhemd aufträten, würde man sich darunter auch wärmen wollen. Durch Großmut und Geldscheinwirbel ließe sich Schuld nicht länger tilgen. Wenn überhaupt, müsse man sie abarbeiten. Jeder für sich müsse es versuchen wir er, nämlich Asylantenheimtüren persönlich öffnen.

Sein Vater war Nazi. Er büße für ihn, und das bliebe nicht nur in der Familie. Es solle an die richtigen Adressen kommen, und er versuche immer wieder, Deutschland zu begreifen.

Wir machten unsere Kerzen aus und gingen einen trinken.