Von Ludwig Siegele

Paris

Eine Partei, zwei Politiker: "Mörder, Mörder", rufen die wütenden Landwirte im nordfranzösischen Dünkirchen auf einer Wahlveranstaltung. Nur ein Großaufgebot an Polizei hält sie davon ab, den Saal zu stürmen. Im bretonischen Saint Brieuc sind die derzeit ebenso aufgebrachten Fischer hingegen nicht zu sehen, obwohl sie am Tag zuvor noch die Büros der Handelskammer mit Meerestieren überflutet haben. Der Wahlkämpfer hat am Nachmittag lange mit ihnen über Billigimporte und Europa diskutiert.

Eine Partei, zwei Programme: "Hören wir endlich auf, uns dafür zu entschuldigen, Sozialisten zu sein. Die Linke wird weiterleben, genauso wie die Rechte", ruft Laurent Fabius, der Vorsitzende der Sozialistischen Partei, in den halbleeren Saal. "Wir müssen uns verändern, um die Gesellschaft zu verändern", beschwört statt dessen Michel Rocard, offizieller Kandidat der Sozialisten für die Präsidentschaftswahl 1995, seine Zuhörer. Viele haben keinen Sitzplatz mehr gefunden.

Eine Partei, zwei Perspektiven. Die eine ist bekannt: Politisch und moralisch am Ende, wird die Sozialistische Partei bei den Wahlen am 21. und 28. März nach über zehn Jahren an der Macht wohl eine vernichtende Niederlage erleben. Von ihren 260 Parlamentssitzen dürfte, wenn es schlecht läuft, nur ein Drittel übrigbleiben. Die andere Perspektive ist überraschender: Das Wahldesaster könnte das Signal für einen Neuanfang im linken Lager Frankreichs geben.

Das Bedürfnis dafür ist jedenfalls vorhanden. Gewinnen die Konservativen wie erwartet haushoch, dann liegt das eher am Mehrheitswahlrecht als am Willen der Wähler. "Der Sieg wäre auch eher ein Resultat der Schwäche des Gegners als ein Zeichen von Dynamik", schreibt selbst die rechte Tageszeitung Le Figaro.

"Seit dreißig Jahren bin ich Parteimitglied. Es gab immer Hochs und Tiefs. Warten Sie mal ab, in zwei Jahren..." Henri Becquart, 54, spricht sich Mut zu. Früher war er Stahlarbeiter, jetzt ist er Frührentner wie die meisten, die sich im Gemeindesaal von Grande-Synthe versammelt haben, um Laurent Fabius einmal aus der Nähe zu sehen. Vor zwanzig Jahren arbeiteten in den Stahlwerken bei Dünkirchen an der Kanalküste noch 12 000 Menschen; heute sind es knapp die Hälfte.