ZDF, "Suchtwoche"

Wo in der Werbung das Glück erst lacht, wenn Bier und Sekt in Strömen schäumen wo sich im Spielfilm der Held mit Weinbrand in Form bringt und in der Talkrunde das einzig Geistige die Getränke sind, also: im Fernsehen, hat es eine "Suchtwoche", die König Alkohol entthronen will, arg schwer. Mit einer Vielzahl von einschlägigen Sendungen kämpfte das ZDF gegen den Suff und kämpfte mutmaßlich vergebens. Es gibt nämlich für die Medien nur einen Weg, die Nüchternheit anzuempfehlen: Sie müssen zuvor von der Schönheit des Rausches sprechen. Dazu war das ZDF nicht bereit.

Gesundheitsexperte Hans Mohl dozierte in seiner langsamen, freundlich-vernünftigen Art über die Sucht und ihre Folgen, als wäre das Elend uns neu. Eine Ted-Umfrage während der Abschlußdiskussion "Man gönnt sich ja sonst nichts" ergab, daß nur fünf Prozent der Zuschauer keinen Alkoholiker in Familien- und Bekanntenkreis haben. Dieses Ergebnis beweist, daß die sogenannte Aufklärung über Entstehung und Verlauf des Alkoholismus überflüssig ist, weil die Praxis sie schon besorgt hat. "Alkis" sind in unser aller Alltag genauso präsent wie das Zeug selbst. "Ich habe kein Alkoholproblem", zwinkerte zwischendurch ein Kabarettist, "es ist ja genug da."

Die Verführung durch den Rausch, allemal in einer Gesellschaft, die Trinkfestigkeit und Weinseligkeit als Werte hochhält, wird immer stärker sein als die säuerliche Mahnung zur Enthaltsamkeit. Auch Druck und Horrorzahlen (40 000 Tote jährlich wegen Alkohol am Steuer) treiben den Geneigten nur zu einem Glase mehr. Erkenntnisse wie: "Der nasse Alkoholkranke ist nicht mehr in der Lage, sich richtig einzuschätzen" und "Im Bundestag wird ja auch unheimlich geschluckt" lassen Bacchus kichern. Wer aus Schaden klug geworden ist, wird diejenigen, die sich mit ihrer Unklugheit in einer älteren Tradition wissen, kaum überzeugen. Ergo bibamus.

Auf dem Bildschirm wird gebechert wie verrückt, ganz wie im Leben. Hier wäre anzuknüpfen und zu fragen: warum? Ist der Rausch immer nur "Flucht" vor den Zumutungen des Daseins, ist er nicht auch ein visionärer Zustand? Klar, wenn es erst mal um den Arbeitsplatz, um den Familienfrieden oder gar um Leben und Tod geht, gelten solche Erwägungen nicht mehr. Dann muß mit derselben Gewalt, mit der sich König Alkohol seine Sklaven unterwirft, zur Rettung der Leber geschritten werden. Fernsehsender aber sind keine Therapie-Stationen. Sie können anders fragen und tiefer loten.

Der schaurigen Bilanz des Jugendalkoholismus zum Beispiel begegnet man nicht mit Klagen wie: "Uns fehlen nüchterne Vorbilder", sondern mit dem Eingeständnis, daß der Trunk – in wie verträglichem Maße auch immer – der Initiationsritus in unsrer Gesellschaft ist. Wer trinkt (und raucht), ist erwachsen und gehört dazu. Der erste Kater steht deutlicher noch als das erste selbstverdiente Geld für den Schritt in die Welt der Großen.

Ganz wie die Arbeitsämter die Opfer der Ökonomie verwalten "Suchtwochen" die Opfer des Feierabends. Fernsehen kann die Zahl der Säufer nicht vermindern. Aber es kann erzählen, wie es geschah, daß König Alkohol auf den Thron gelangte. Und warum ein geheilter Opa im Rückblick so von sich und der Flasche spricht: "Das war mal ’ne schöne Zeit. Aber es geht nicht mehr."

Barbara Sichtermann