Von Raimund Hoghe

Ein Blick aus dem Fenster. "Gucken Sie viel aus dem Fenster?" fragt Klaus Wildenhahn beiläufig. "Nee, kann ich nicht mehr. Fangen meine Füße an zu kribbeln, und dann möchte ich springen. Seitdem gehe ich nicht mehr ans Fenster", antwortet eine Frauenstimme. "Möchten Sie springen?" – "Ja, wenn ich da stehe, ja. Nicht, daß ich’s will, aber –" Ein Lachen. "Seitdem gehe ich nicht mehr ans Fenster. Das tu’ ich nicht." Schnitt.

Das Gesicht von Frau Schmidt füllt den Bildschirm. Die Rentnerin sagt: "Du wirst geboren, um zu leben. Aber du mußt sterben. Also warum dann erst Geburt? Das sind so Gedanken, die mir immer alle so durch den Kopf gehen. Und da denke ich immer: warum? Warum muß man sich immer so quälen. Das ist doch Wahnsinn."

In Klaus Wildenhahns anderthalbstündigem Dokumentarfilm "Noch einmal HH4: Reeperbahn nebenan" dauert der Dialog knapp zwei Minuten. In diesen zwei Minuten werden Klischees wie das vom einfachen Leben der kleinen Leute ebenso unspektakulär wie eindrucksvoll zerstört. "Jeder", sagt Klaus Wildenhahn, "trägt in sich ein Buch, aber nur die wenigsten haben die Möglichkeit, ein Buch zu schreiben."

Seine Filme sind auch als Filme über nicht geschriebene Bücher und übersehene Geschichten zu verstehen. Für seine meist unbekannten Protagonisten sind sie auch Teil einer Suche und Auseinandersetzung mit sich selbst. Der Dokumentarfilm, meint der auch als Theoretiker des Genres hervorgetretene Filmemacher, könne schließlich auch das leisten: "Daß der Mensch sich mit sich selbst noch einmal konfrontiert. Man kann sich auf die Art noch einmal überprüfen."

Bei solcher Selbsterkundung geht es ihm nicht um Selbstentblößung. Er ist Beobachter und nicht Voyeur. Er mache keine Filme über Intimsphäre, stellt der 62jährige fest und fordert, "daß man Leute und ihre eigenen Grenzen respektiert". Er kennt solche Grenzen schließlich auch von sich. Er sei ein eher schüchterner Mensch, bekennt er am Ende des Gesprächs und: "Ich glaube, meine Filme sind immer auch Versuche, meine Introvertiertheit zu durchbrechen."

Das Gespräch findet in der Küche statt. Die Küche sei sein Wohnzimmer, hatte er gleich zu Anfang gesagt und Tee zubereitet, schweigend, ohne Hast. Manchmal, wenn er spricht, scheint es, als führe er dabei auch einen Dialog mit sich, um die eigene Position zu klären. Das ist auch zu spüren, wenn er über seine berufliche Entwicklung spricht. Mit den Karrieremustern der früh angepaßten Macher von heute deckt sie sich kaum. Seinen ersten richtigen Film habe er mit 34 gedreht, berichtet der Dokumentarfilmer. Nach dem Abitur hat der 1930 in Bonn geborene Sohn eines Innenarchitekten zunächst in Berlin vier Jahre lang Soziologie und Publizistik studiert, ist dann als Austauschstipendiat nach New York gekommen und ein Jahr später nach Europa zurückgekehrt. In London habe er dann rund drei Jahre als Pfleger in einem mental hospital gearbeitet.