Von Volker Ullrich

Ohne ihn wäre Bismarcks Memoirenwerk "Gedanken und Erinnerungen" kaum zustande gekommen. Denn der Exkanzler war häufig lustlos. Stundenlang konnte er auf der Chaiselongue liegen, in Zeitungslektüre vertieft, während Lothar Bucher mit gespitztem Bleistift und gespitzten Ohren am Tische saß. Und wenn der störrische Alte endlich zu diktieren begann, dann erzählte er so sprunghaft, so lückenhaft, ständig Historie und tagespolitische Reflexion vermischend, daß sein Intimus darüber schier in Verzweiflung geriet. An ihm lag es, Ordnung ins Chaos der Diktate zu bringen, Fehler zu korrigieren und das Ganze überhaupt erst lesbar zu machen.

Daß Lothar Bucher einmal in den Dienst des preußischen Junkers treten würde, wäre einige Jahrzehnte zuvor noch gänzlich undenkbar gewesen. Denn 1848 hatte er als einer der exponierten Vertreter der Linken in der preußischen Nationalversammlung noch auf der anderen Seite der Barrikade gestanden. Damals – so hat Bismarck rückblickend bemerkt – hätte er diesem "wütenden Republikaner" seinen Degen nur zu gern "in den Leib gerannt". 44 Jahre später, im Oktober 1892, als der Treueste seiner Treuen in einem Hotel am Genfer See qualvoll gestorben war, klagte der einsame Fürst im Sachsenwald: "Bucher war der einzige, mit dem ich mich noch über alles unterhalten konnte, und der mich immer verstand – nun ist er mir auch noch genommen."

Christoph Studt, ein Schüler des Bonner Historikers Klaus Hildebrand, hat jetzt nach Heinrich von Poschingers dreibändiger Materialsammlung "Ein Achtundvierziger" (1890 bis 1894) die erste gründliche Biographie Lothar Buchers vorgelegt. Mit Sympathie, aber nicht ohne kritische Distanz zeichnet er den kurvenreichen Lebensweg des Assessors aus dem hinterpommerschen Stolp nach, den die Märzrevolution unverhofft in das Zentrum der politischen Kämpfe in der preußischen Hauptstadt Berlin führte. Binnen kurzem mauserte sich der Hinterbänkler in der preußischen Nationalversammlung zu einem der meistbeachteten Redner der linken Fraktion. In dem Maße, wie die reaktionären Kräfte in Preußen wieder erstarkten, radikalisierte sich der mit 31 Jahren noch sehr junge Abgeordnete. Mit anderen Vertretern der entschiedenen Linken trat er nach dem Staatsstreich des Ministeriums Brandenburg vom November 1848 für das Kampfmittel der Steuerverweigerung ein, ja er proklamierte gar das Recht zum bewaffneten Widerstand als ein "Gebot der Notwehr".

Diese Kühnheit mochte die preußische Justiz dem Abtrünnigen nicht verzeihen. Im Februar 1850 verurteilte ihn das Berliner Kammergericht in einem Schauprozeß wegen versuchten Aufruhrs zu fünfzehn Monaten Festungshaft, einschließlich des Verlusts aller Ämter und bürgerlichen Ehrenrechte. Seine Existenz schien vernichtet. Der drohenden Verhaftung konnte sich Bucher gerade noch durch Flucht nach England entziehen; der Steckbrief der Polizei folgte ihm auf dem Fuße.

Zum Verbrecher gestempelt, ins Exil gejagt – dieses Schicksal teilte Lothar Bucher mit vielen deutschen Demokraten. Und doch sieht sein Biograph gerade in dieser unglücklichen Wendung einen Glücksfall. Denn wäre Bucher nicht verurteilt worden, hätte er vermutlich nach 1850 wieder das unauffällige, eintönige Leben eines Justizbeamten in der hinterpommerschen Provinz geführt. So aber war er als mittelloser Asylant in London gezwungen, Fähigkeiten zu entwickeln, die andernfalls brachgelegen hätten. Der glänzende Redner der preußischen Nationalversammlung wurde zu einem ebenso glänzenden Journalisten. In den zehn Jahren seines Exils schrieb er über 3000 Artikel für die gemäßigt liberale Berliner National-Zeitung. Von der sozialen Frage über die Parlamentsreform, das Justizwesen, Handel und Industrie, Parteien, Bürokratie, Militär, Unterrichtswesen, Kirche, Presse und öffentliche Meinung – es gab kein Thema, über das er nicht berichtete. Den deutschen Lesern "vor allem echte Ware zu liefern", das war sein journalistisches Ethos und das hieß: Der "Parteistandpunkt" durfte, wenn überhaupt, lediglich das "Raisonnement" färben.

Studt zeigt, daß Buchers politische Anschauungen sich unter den Eindrücken des Gastlandes wandelten. Nicht mehr von einer Revolution versprach er sich eine Lösung gesellschaftlicher Probleme, sondern von einer Reform, einem friedlichen Wandel durch das Wirken der freien Presse und das allgemeine Stimmrecht. Gerade in der pragmatischen Anpassungsfähigkeit des politischen Systems an veränderte Verhältnisse sah er das Erfolgsgeheimnis des Inselreiches. Die anfängliche Begeisterung für die britischen Institutionen machte allerdings bald einer Ernüchterung Platz. Bucher glaubte zu erkennen, daß es mit der freien englischen Presse, der er die Qualität einer "vierten Macht im Staate" zugesprochen hatte, so weit her nicht sei und daß das vielbewunderte englische Parlament sich zu einem regelrechten "Staat im Staate" entwickelt habe, in dem selbstsüchtige Parteien und Cliquen nur noch die eigenen Interessen bedienten. Diese Kritik, die er in einem Buch "Der Parlamentarismus wie er ist" (1854/55) zusammenfaßte, erregte unter den Liberalen in Deutschland verwundertes Stirnrunzeln, während man in konservativen Kreisen sich jetzt für den Flüchtling in London zu interessieren begann.