Von Gesine Froese

Die kleine Gemeinde westlich von Bogotá trägt den anspruchsvollen Namen Madrid. Die Sonne wirft lange Schatten in sandige Gassen. Wir klopfen an eine Tür. „Car., 8-3“ – diese Adresse ist auf einem handgemalten Schild an den Flachdachbau genagelt. „Hier wohnt Maria Pilar Fernandez“, sagt meine Begleiterin Dora, „sie ist auch krank.“

Es öffnet die Mutter. „Wie geht es Maria?“ Die Frau senkt den Kopf. „Sie ist tot.“ Wir schweigen erschrocken. Die Frau fährt mit der Hand über das Haar eines kleinen Mädchens, das sich an sie geklammert hat. „Sie starb kurz vor Weihnachten“, sagt sie. „Zuletzt hat sie nur noch erbrochen. Ich versorge jetzt die drei Kinder.“

Maria Pilar Fernandez war 27 Jahre alt und Blumenarbeiterin. Mit 17 ging sie von der Schule ab und fing an auf einer Blumenfinca. Madrid liegt auf der Hochebene Sabana Bogotá, wo – 2600 Meter über dem Meeresspiegel – sanfter Wind und Regen den Anbau von Nelken, Rosen und Chrysanthemen begünstigen. 450 Betriebe für den Schnittblumenexport sind hier entstanden. Kolumbien ist, nach Holland und Israel, der Welt drittgrößter Blumenexporteur. Das gibt 600 000 Menschen Arbeit. Die meisten sind Frauen.

Maria war zehn Jahre lang beim Anbau von Schnittblumen eingesetzt, als die ersten Krankheitserscheinungen auftraten: Übelkeit und Schwindelgefühle. Sie ignorierte die Symptome. Vor fünf Jahren brach sie zu Hause zusammen. Ohne exakte Diagnose wurde sie krank geschrieben. Es begann ein Martyrium – Krankenhausaufenthalte, Bettlägerigkeit im Haus der Mutter. An die Zahl der Ärzte, die sich mit ihr beschäftigten, kann sich die Mutter nicht mehr erinnern.

„Immer wieder hieß es“, erzählt die Mutter, „es wird schon wieder. Genaues erfuhr man nie.“ Zuletzt wurde Maria in die Sozialklinik Bogotäs, San Pedro Claver, eingewiesen. Hier war zum ersten Mal von Pestiziden die Rede – allerdings nicht davon, wie schlimm es um sie stand. „Sie hatte halt eine schwache Konstitution“, sagt Marias Schwester. Sie kommt gerade nach Hause, von der Arbeit auf einer Blumenfarm. Angst habe sie keine, meint sie, und sagt das, als wolle sie sagen, die Starken schützt Gott.

„Mir wird schon nichts passieren“, hörte auch der Arzt Dr. A. in Mexiko immer wieder, als er vor drei Jahren mit Kollegen der chemischen Fakultät in die Gemeinde Santa Ana (im Gebiet Villa Guerrero) reiste, um die Gefahren bei der Anwendung von Pestiziden zu studieren. In Santa Ana leben 5000 Menschen von den Blumen. Mexiko steht erst am Anfang seiner Blumenexportwirtschaft. Das Land begann vor etwa zehn Jahren und exportiert neunzig Prozent der Produktion in die USA. Dr. A. zeigte einem Mitarbeiter der Dritte-Welt-Organisation Medico International sein Reisenotizbuch: Von Schwindel, Übelkeit, erhöhter oder verlangsamter Herztätigkeit oder Krämpfen hörte er bei vielen Arbeitern. Alle zwei bis drei Tage trat ein schwerer Vergiftungsfall auf. Für eine der ganz großen Gefahren hält Dr. A. die „Pestizid-Cocktails“, die aus verschiedenen nichttoxischen Produkten gemischt werden, wodurch sich ihre chemische Substanz gefährlich verändern kann.