Dem Portrait des jungen Dichters (Helmut Krausser) können wir im neuesten Spiegel allerlei entnehmen, vor allem gute Ratschläge fürs Dichterleben und so. Wonach man zu riechen hat (nach „Schweiß und Urin und Erbrochenem“). Wo man zu wohnen hat (in einem „Versteck unter dem Dach des Opernhauses“). Was man zu trinken hat („billigen Rotwein“). Und so weiter. Nützliche Sachen.

Natürlich durchschoß uns kurz der Gedanke, dieses Dichterportrait könnte heimlich selbst ein riechlustiger Kurzroman sein wollen, so zauberhaft klang das Märchen vom Dichter, der ein Penner war („Und wenn einer so jung ist und muß sich erniedrigen vor denen, die ein paar Münzen lockermachen sollen, dann kommt er sich auch nicht gerade wie ein Sieger vor.“) – aber da verwandelte sich der Text vor unseren Augen plötzlich in eine schnöde Rezension. Schade.

Bloß ein Satz will uns nicht aus dem Kopf: „Er (der Dichter) ist in München aufgewachsen, hat dort gelernt und viel gelesen, getrunken, gespielt und Frauen getroffen, und irgendwann, da war er Anfang 20, mußte er raus aus seiner Wohnung ...“ – Ja, das kennen wir alles. Fast. Aufgewachsen nämlich sind wir auch, irgendwo. Gelernt haben wir bißchen was, nicht zuviel, aber viel gelesen. Getrunken, ja, und auch gespielt. Irgendwann mußten wir raus aus unserer Wohnung, und so sind wir Lehrer geworden oder Chefarzt oder Taxifahrer. Alles klar. Bloß stand da noch was: Er, der Dichter, habe „Frauen getroffen“. Frauen. Das ist interessant. Das klingt seltsam in uns nach. Das schlägt eine neue Seite in uns an. Frauen treffen – ja, das ist eine Idee!

Zur Tat, zur Tat! Überall Frauen, die getroffen werden wollen! Und wenn wir sie getroffen haben, dann sprudelt es ganz bestimmt aus uns heraus, unser Roman, wie bei Krausser und seinem Portraitisten! Endlich!

Aber haben wir nicht schon manche Frau getroffen, im Flur, auf Konferenzen, in S-Bahn-Zügen? Und nichts ist passiert? Und ist dieses „nichts“ nicht ein ewiges, unlösbares Rätsel? Ist es nicht das „nichts“, das uns auf ewig von den Dichtern trennt? Jetzt einen billigen Rotwein, schnell! Finis