Von Marion Gräfin Dönhoff

So kann es nicht bleiben. Aber wie soll es weitergehen? Die Brutalisierung unserer Zeit hat ein unerträgliches Maß erreicht: Das gilt für die rücksichtslose Anwendung von Gewalt wie die gleichgültige Hinnahme von Brutalität und auch den Voyeurismus, wie Reality-TV ihn praktiziert.

In den fünfziger Jahren verbot der Chefredakteur dieser Zeitung, das Photo eines Schwerverletzten zu veröffentlichen, der verblutend neben seinem Auto lag. Heute werden Leute ausdrücklich beauftragt, bei solchen Gelegenheiten den mit dem Tode Ringenden möglichst in Großaufnahme zu photographieren. Schamgefühl gibt es nicht mehr.

Ausländer werden zusammengeschlagen, während Passanten vorübergehen und weggucken, anstatt Hilfe zu leisten. Jugendliche attackieren Asylantenheime mit Brandbomben – oft nur so zum Spaß. In manchen Schulen gehen die Schüler nur noch bewaffnet zum Unterricht, um sich gegen Erpressungen der Mitschüler zu schützen.

Wie ist es möglich, daß Skinhead-Texte geduldet werden, die, so berichtet die sozialdemokratische Publikation blick nach rechts, auf Langspielplatten, Kassetten und CDs zu erwerben sind – beispielsweise ein Song gegen Türken unter dem Titel "Kanaken": "Steckt sie in den Kerker / oder steckt sie ins KZ / von mir aus in die Wüste / aber schickt sie endlich weg. / Tötet ihre Kinder, schändet ihre Frauen / vernichtet ihre Rasse / damit könnt ihr sie vergraulen."

Warum werden die Verfasser und die Produzenten dieser widerlichen Erzeugnisse nicht wegen Aufforderung zum Mord vor Gericht gestellt? Warum lassen wir zu, daß Brutalität sich immer weiter ausbreitet in einer Zeit, in der mehr von Menschenrechten geredet wird als je zuvor?

Sechs- bis dreizehnjährige Kinder sehen täglich zweieinhalb Stunden fern. Da die TV-Sender bis zu fünfzig Mordszenen pro Tag bieten, ist es kein Wunder, daß sich jener alarmierende Fall in Liverpool ereignete, wo zwei Zehnjährige ein zweijähriges Kind ermordet haben sollen – vermutlich, weil ihnen der Unterschied zwischen Film und Wirklichkeit nicht klar war. Für sie ist eben Gewalt ein Teil des normalen Lebens geworden.