Die Industriegesellschaft leidet an den Folgen der Wissenschaft wie Schlemmer an ihrem Übergewicht: unwillig oder unfähig zu ändern, was sie bedrückt; begierig auf mehr von dem, was sie beklagen; und mit kaum einem Blick für die Darbenden am Fenster des Bankettsaals.

Daß die Wissenschaften das Erfolgsrezept gegen Probleme sind, an denen wir ohne ihre früheren Erfolge nicht krankten, ist ebenso zutreffend wie trivial. Denn was einer Generation gelingt, das bestimmt die Verhältnisse, unter denen sich die nächste bewähren muß. Da fast alle Vorteile ihren Preis fordern, müssen die Nachfahren immer auch Rechnungen der Vorfahren begleichen. Wer deswegen – zu Recht – die Enkel bedauert, vergißt, daß er selber ein Enkel ist.

Dies gilt für die natürliche Evolution und noch mehr für die Kultur. Beschleunigt und verstärkt diese doch die schöpferische Dynamik der Natur und überwältigt sie um so stärker, je mehr die Wissenschaften der Zivilisation auf die Sprünge helfen. Indem sie bestimmen, wie wir heute leben, erzwingen die Wissenschaften, daß wir schon morgen anders leben. Jeder selbstverstärkende, Information überliefernde Prozeß, der sich unter Knappheitsbedingungen stets neu bewähren muß, erzwingt durch Anpassungswandel wiederum Anpassungswandel, der nicht im Schlaraffenland, sondern allenfalls auf dem Friedhof zur Ruhe kommt. Die Zukunft hält sicher mehr Alternativen bereit, als wir ahnen: Nur jene der Vergangenheit und Gegenwart gehören nicht dazu – sie sind schon verbraucht.

Nichts nimmt es mit den Wissenschaften auf, durch Wunscherfüllung Wünsche zu wecken, durch Antworten Fragen zu stellen und durch Problemlösungen Probleme zu erzeugen. Wir „verdanken“ ihnen ja wirklich nicht wenig: den Geisteswissenschaften den chauvinistischen Nationalismus; der Philosophie das Artensterben an Göttern, Engeln und Teufeln; den Sozialwissenschaften den angewandten Marxismus; der Biologie den sozialdarwinistischen Rassismus; den Natur- und Technikwissenschaften Kernwaffen, Designerrauschgifte, Treibhaus-Alpträume und Beschleunigungsmaschinen, die uns schneller dorthin bringen, wo wir eigentlich gar nicht hinkommen wollten; der Medizin Überbevölkerung und Überalterung sowie am Ende die Intensivleidensverlängerung aus erbarmungslos kostenverachtender Humanität – um nur eine Auswahl an gängigen Vorurteilen aufzuzählen. Nur den Rechtswissenschaften verdanken wir ausschließlich Gutes: die Menschenrechte. Aber selbst die haben Regeln zur Folge, nach denen man Erich Honecker laufen lassen muß und Katrin Krabbe nicht laufen lassen darf.

Keine Frage, es gäbe unzählige Beispiele dafür, was uns die Wissenschaften an Gutem, ja Unentbehrlichem bescheren. Wir Wissenschaftler zählen sie nicht nur aus Stolz, sondern zur Rechtfertigung auf, um nicht als Schmarotzer dazustehen, die nur selbstsüchtig nach reiner Erkenntnis streben. Aber darum geht es hier nicht. Der zunehmende Vorwurf an die Wissenschaften lautet nämlich nicht, daß sie unnütz seien, sondern daß sich ihr Nutzen nur zu leicht ins Gegenteil verkehrt, daß gerade die Erfüllung der Ansprüche wachsender Menschenmassen die weitere Erfüllung ebendieser Ansprüche unmöglich macht. Es geht nicht darum, ob Fluch oder Segen überwiegen, sondern darum, ob nicht gerade der Segen der Fluch ist.

Wenn es zutrifft, daß jedes System, das unter den Evolutionsbedingungen des Lebens existiert – also zu Anpassungswandel gezwungen ist, um in einem Leistungswettbewerb unter Ressourcenknappheit zu bestehen –, zwangsläufig die Bedingungen seines Daseins verändert, indem es sich ihnen erfolgreich anpaßt, dann sind alle gutgemeinten Versprechungen verfehlt, daß wir durch Einkehr, Umkehr, Rückkehr oder sonstige moralischen Kehrtwendungen diesem Natur- und Kulturzwang entgehen könnten. Dann hilft gegen die wachsenden Schwierigkeiten des Fortschritts tatsächlich nur neuer Fortschritt, der wenigstens die inzwischen bekannten Fehler vermeidet. Dadurch ist er allerdings nicht gegen künftige Fehler gefeit. Dann gibt es – wie in mehr als drei Milliarden Jahren Lebensvergangenheit – nur einen Weg zum Überleben, indem wir ohne jedes Innehalten mit immer neuen Leistungen immer neue Herausforderungen bewältigen. Wenn das so zutrifft, dann hilft auch nicht die Empfehlung, der allzu erfolgreichen Wissenschaft durch vermeintlich alternative Wissenschaften Sand ins Getriebe zu streuen. Wir könnten uns dabei am Ende nur selbst Sand in die ohnehin tränenden Augen streuen: das verbessert die Aussichten nicht!

Nur mit Einfallsreichtum, Erneuerungswillen und Anpassungsfähigkeit haben wir eine Chance, auch die selbsterzeugten Probleme zu lösen. Beides zugleich kann es jedoch nicht geben: Leben und die Garantie unbegrenzten Überlebens, denn dies wäre ein Widerspruch in sich selbst. Auch diese überaus bedrückende Einsicht „verdanken“ wir – als Nebenfolge – der Wissenschaft.

In vierzehn Tagen: Wolf Lepenies