Von Fritz J. Raddatz

Dem Sohn aus gutem Hause, Kind einer alten jüdischen Familie im Berliner Westen, hat es anfangs an nichts gefehlt" – so könnte ein Portrait des nun 70jährigen Malers und Essayisten Hans Platschek beginnen; allein – so beginnt sein Aufsatz zum 100. Geburtstag von Walter Benjamin. Man könnte das als Schlüssel zu den vielen kunstvoll verriegelten Türen des Werks von Hans Platschek nehmen; zumal viele Hauptworte fallen, die seine eigene Arbeit kennzeichnen: Marxismus, Emigration, das Sich-über-Wasser-Halten des freien Künstlers, das Zwitterhafte und schließlich die Denk-Bilder.

Das ist fast der genaueste Begriff für den in Hamburg lebenden Maler-Schriftsteller, über dessen jüngste Arbeiten, dixähnliche Portraits unter anderem seiner Kollegen Sonderborg, Schumacher, Michaux und Saura, der langjährige Direktor des Kieler Landesmuseums Jens Christian Jensen schrieb: "Das Geflecht von Pinselduktus und Linie ist von einem Furor erfüllt, der das Physiognomische an eine Grenze treibt, wo sich das wie in einem Augenblick erfaßte Charakteristische trifft mit überzeichnender Penetranz. Die Eindringlichkeit dieser Bildnisse, ihre aggressive Direktheit, die dennoch, von allen Realismen befreit, so etwas wie negative Idealbildnisse erschaffen hat, ist gleichermaßen bestimmt von Liebe und Distanz."

Dieser Begriff der Denk-Bilder, angewandt auf Hans Platschek, hat aber für sein Œuvre eine ganz andere, geradezu entgegengesetzte Bedeutung. Während er über Walter Benjamin schrieb: "Benjamin ist ganz und gar Literat – er sieht im Bild den Plot oder, wie Bertolt Brecht sagen würde, die ‚Fabel‘", so ist das Spezifische aller seiner Betrachtungen zur Bildenden Kunst, daß er sich auf das Eigentümliche der Peinture einläßt. Wenn sein Satz "Die Kunstkritik behandelt ihren Gegenstand nicht, sie verbirgt ihn" stimmt, dann ist der Mann kein Kunstkritiker. Vielmehr ist er beides in einem: Maler und Schriftsteller. Der Maler Platschek kennt den Produktionsvorgang, das Primat von Auge, Form und Farbe vor allem geistigen Konzept: "Das Geistige wird mit der Hand gemacht."

Der Maler und der Schriftsteller: Beide schöpfen aus derselben Quelle – es ist die geradezu raffinierte Bildung eines mit dem Marxismus vertrauten europäischen Bürgers, der im lateinamerikanischen Exil aufwuchs und in Rom, Paris oder London genauso zu Haus ist, wie er das Haus amerikanischer oder europäischer Hochstapler – von Warhol bis Beuys – angewidert verläßt.

Sein Argument, immer wieder neu beleuchtet: daß nicht der Gedanke das Kunstwerk ausmacht, kein rechter – und auch kein linker, von dem sich schon Raoul Hausmann abwandte mit dem Verdikt der "Proktatur des Dilettariats". Dabei nimmt Platschek, der ja als einer der Hauptvertreter der informellen Malerei gilt, sich selber und seine Arbeit der fünfziger Jahre keineswegs von einer kritischen Sichtung aus. Seine damalige Sudie nach einer Zeichensprache für Wirklichkeit, jenseits von photographischem Realismus wie von Käthe Kollwitz, charakterisiert er: "In den 50er Jahren hatte in Deutschland die abstrakte Kunst kanonischen Rang: Das Teppichmuster galt als sublime Höchstleistung. Dieser Flucht in die Abstraktion entsprach die allgemeine Verdrängung der Realität, die sich in den Schlagern und Heimatfilmen jener Jahre niederschlug. Tatsächlich herrschte eine unglaubliche Heuchelei."

Diese Philippika setzt ein weiteres Charakteristikum von Platscheks Begreifen von Kunst frei: Sie ist ihm kein Phänomen jenseits von Zeit und Raum, vielmehr Produkt von Geschichte. Geschieht das spannungsfrei, dann kommt dabei heraus die Lenin-Büste oder ein Breker-Kerl. Die modernen Zeiten mit ihren Marktstrategien haben aus dem Produkt ein Beiprodukt gemacht, gelegentlich auf Laufstegen ausgeboten, die den Unterschied zwischen Tate Gallery und Kaufhaus Harrods einebnen. Schon den antibürgerlichen Affekt der Boheme entlarvt Platschek als Teil der bürgerlichen Warenwelt: "Die Urboheme nämlich operierte trotz aller Schaustellerei, trotz grüngefärbten Haaren oder Hummern an der Hundeleine, aus der Defensive. Gerade die Schaustellerei wurde ihr vom Widersacher diktiert, und der hieß klipp und klar Bourgeois. [...] Dazu kam, daß der Bürger, wenn von Kunst die Rede war, in den Kategorien des Adels zu denken pflegte und liebend gern dessen Stellung eingenommen hätte.