Von Egon Bahr

Eine Warnung zunächst: Wer es einfach, klar, übersichtlich, abgegrenzt, gar mit eindeutiger Nutzanwendung liebt, sollte dieses Buch weder kaufen noch lesen. Dabei ist es eigentlich simpel: Ruth Rehmann erzählt die Geschichte ihres fast schon aufgegebenen Versuchs, den ersten gesamtdeutschen Schriftsteller-Kongreß 1947 in Berlin von dem Staub zu befreien, der sich über mehr als vier Jahrzehnte abgelagert hatte. Zwischen zwei Silvesterfeiern spielt sich das ab, zwischen den Übergängen der Jahre 1990 und 1991. Die PEN-Tagung im Mai 1990 in Kiel, auf der "etwas, was gar nicht beabsichtigt war, tatsächlich nicht stattfand", nämlich die Vereinigung von "BRD- und DDR-PEN", läßt Vergleichbarkeiten und Unvergleichbarkeiten noch deutlicher werden, wie das war und ist mit der literarischen Elite, wenn Zeitenwende zur Wendezeit wird.

In Berichten entfaltet sich das alte Thema, was Schriftsteller sollen, wollen, können, hoffen in ihrer Eitelkeit und Weisheit, Standhaftigkeit und Schwäche, Würde und Erbärmlichkeit. Aufregend aktuell sind die Gespräche, einfühlsam und sezierend beobachtet, mit Stefan Hermlin und Wolfgang Harich, Walter Kolbenhoff, Steffie Spira, aber auch mit Melvin Larsky, der 1947, als noch keine Rede von BRD und DDR war, wie ein Habicht in den Hühnerhof des Kongresses fiel, in dem sie sich alle hören ließen: Elisabeth Langgässer und Friedrich Wolf, Johannes R. Becher, Ricarda Huch und viele andere.

Wenn man die berühmten und weniger berühmten durch erdachte Namen ersetzen würde, es gäbe einen Romanstoff. Aber so kann man auch Biographie schreiben: Die Nachkriegsliebe zu ihrem Boyfriend, erfüllt, gebrochen, verschwebt, gehört in das Bild dieser Zeit mit seinen grellen, gedeckten und verschwimmenden Farben. Erzählte Essays, die es theoretisch nicht gibt, sind in dem Buch zu finden, das sich vor allen spannend liest und das seinen Titel mit der Unterzeile "Begegnungen mit dem anderen Deutschland" erläutert.

Erzählte Begegnungen mit welchem anderen Deutschland? Es gibt so viele. Da ist die enttäuschte Hoffnung der Stunde Null mit dem noch unmanipulierten Antifaschismus oder die der 68er- und der folgenden Friedensbewegung, oder die der strahlenden Kraft "Wir sind das Volk", die in wenigen Monaten zu einem "steinernen Black der schweigenden Mehrheit" wird. Wo liegt das andere Deutschland, wenn für beide Seiten gelten konnte: "Die Mauer wurde normal"? Und wenn Ruth Rehmann erinnert, unzutreffend und doch berechtigt: "Irgendwie, sage ich, irgendwie waren wir alle Nazis", läßt sich Entsprechendes nicht belastend wie entschuldigend auch für die Menschen im SED-Regime formulieren?

Das andere Deutschland ist gewiß bei der Verfasserin zu spüren, die sich verständnisvoll, aufgeschlossen und sympathiewillig der Archivarin der gesuchten Schätze zuwendet, die, in der Abwicklung befindlich, wohl auch zu dem anderen Deutschland (Ost) gehört und sich schließlich abblockt; Mentalitätsschwierigkeit zwischen Ost und West wird erzählt, ohne daß die Vokabel benutzt werden müßte, also erlebt, plastisch bis zur Unauflösbarkeit.

Bei der seltsamen Gemengelage stellt sich die Frage, was eigentlich die Alternative zum "anderen" Deutschland ist; das jeweils handfeste, brutale, wirkliche, in Bilanzen, Statistiken und Umfragen manifestierte? Dann wären wir alle Teil des einen wie des anderen Deutschland, in jedem von uns mischt sich das Land, und jeder von uns hat seine Träume zu den unterschiedlichen Zeiten. Das Buch berichtet davon: "Unterwegs in fremden Träumen". Übrigens nicht etwa wehleidig oder resignativ, wenngleich nicht ohne "Trauer um eine Hoffnung, die allmählich erlischt und mit ihrem Erlöschen die Menschen, die sie getragen hat, voneinander entfernt".