Das Fach Österreichbeschimpfung hat sich nach Thomas Bernhards Tod als Unterdisziplin der Kulturkritik etabliert; die ungeliebte Heimat ist eine beliebte Muse geworden. Der gebürtige Wiener Joachim Riedl berichtet in seinem Buch „Das Geniale – das Gemeine“ aus diesem „Inferno an Gesinnungslosigkeit“ über die „gesinnungslose Mittelmäßigkeit“ der Bewohner einer Stadt.

Er weiß, „der“ Wiener ist heimtückisch; „man“ treibt dort Unzucht mit der Sprache; „die wahren Schurken“ hetzen am Stammtisch und geben noch einen Doppelliter aus. So geht das dahin. Doch, knapp hinter Seite 30, hält der Autor inne und kommt zur Hauptsache: hundert Jahre Kulturgeschichte der Stadt Wien, die geistigen Grundlagen für Weltkriege und Massenmorde.

Das Wien der Jahrhundertwende war nicht nur führend in der europäischen Kultur; es formierte sich dort auch die Avantgarde der Barbarei. Während zu ebener Erde und in der Beletage der Adel verkalkte und das Bürgertum im Plüsch verblödete, spielten im Keller ein paar Unzufriedene mit Geistesblitzen. In den Dachkammern zündelten zur selben Zeit völkische Sektierer; der junge Hitler bildete sich mit deren Zeitschriften.

Joachim Riedl zeigt eine gespenstische Gleichzeitigkeit, die Nachbarschaft genialer und monströser Ideen. Als der Landschaftsmaler Hitler nach Wien kam, schrieb Adolf Loos gerade an seinem Traktat über „Ornament und Verbrechen“; wenig später beginnt der Roman von Robert Musil.

Manchmal arbeitet Riedl zu wortstark an seinem geistigen Bild der Stadt. Am besten gelingt ihm sein „Versuch über Wien“, wenn er solche Kleinode der Volksseele zusammenträgt wie im Bericht vom Schaufenster eines Fleischhauers zum 100. Geburtstag von Franz Schubert: der Kopf des Komponisten ist aus Schweineschmalz geformt Da ist der Satz „Wien bleibt Wien“ wirklich noch eine Drohung. Franz Haas

  • Joachim Riedl:

Das Geniale – das Gemeine

Versuch über Wien; Piper Verlag 1982; 146 S., 38,– DM