Von Robin Detje

Fassen wir kurz zusammen: Gott ist zwar schon eine Weile tot, aber seit sehr kurzer Zeit scheint er noch toter zu sein als vorher. So als hätte er am Untergang des Reichs des Bösen, des Versprechens vom Paradies auf Erden und so weiter noch einmal und endgültig Schaden genommen.

Plötzlich sind wir mit Nietzsches Satz ganz unangenehm allein. Man hat uns – Annahme verweigert! – aus den irgendwie keimfreien (und irgendwie langweiligen) Zeiten des ewigen DANACH wieder zurück in die Moderne expediert. Oder, wenn wir wollen, auch noch weiter zurück ins Mittelalter. Das liegt ganz bei uns.

Soviel zur geistigen Lage Europas. Der Roman, um den es hier geht, László Krasznahorkais "Melancholie des Widerstands", stammt immerhin aus Ungarn, einem der ehrwürdigsten Länder der Alten Welt.

Und nun betrachten wir ein wenig den Himmel. Der Himmel ist uns, würde Majestix sagen, der tapfere Chef der Gallier, auf den Kopf gefallen. Und Valuska, der Briefträger, einer der beiden traurigen Helden aus Krasznahorkais Buch (und ähnlich tragikomisch veranlagt wie Uderzos und Goscinnys Comicfigur), "sah in die Höhe und hatte das Gefühl, der Himmel befinde sich nicht mehr an seinem Platz, erneut schaute er entsetzt hinauf, und tatsächlich befand sich da, wo der Himmel gewesen war, nichts mehr, da senkte er den Kopf und ging mit diesen Stiefeln und Pelzmützen, als begreife er auf einmal, daß er vergebens geforscht; was er gesucht, ist dahin..."

Ein graues Städtchen in einem "geschützten Tal der Karpaten", "fast immer von dichtem Dunst, von feuchtem Nebel oder von undurchdringlichen Wolken" bedeckt. Wonach hat der Briefträger hier gesucht? Nach der Harmonie des Kosmos, der Ordnung der Welt. Vergebens, alles dahin. Die Stiefel und Pelzmützen gehören einem müden Abräumkommando von "annähernd dreihundert Landstreichern", die mit einem Schaustellerwagen in den Ort gekommen sind und alles zerstören und niederbrennen. Unaufhaltsam wie mörderische Gespenster, die in die metaphysische Leere, in die Abwesenheit aller Wesenheiten ganz zwangsläufig einströmen. Valuska nehmen sie in ihre Mitte und machen ihn zum Täter. In Krasznahorkais 1989 in Ungarn erschienenem Roman hat der Krieg auf dem Balkan schon begonnen. Widerstand ist zwecklos. Was bleibt, sind Trümmer – und Melancholie.

Schon ganz zu Anfang ist die Welt aus den Fugen: Mal kommen die Züge, mal kommen sie nicht, und wenn sie kommen, kommen sie vielleicht nicht an. "Von alledem war im Grunde genommen niemand wirklich überrascht, denn die Wirkung der herrschenden Zustände war naturgemäß im Eisenbahnverkehr ebenso spürbar wie sonst überall: Die Ordnung der Gewohnheiten war in Frage gestellt, die Alltagsreflexe zerrüttete ein unhemmbar wucherndes Chaos, ... es schien nichts mehr undenkbar, daß sich keine Tür mehr öffnet und der Weizen in der Erde nach innen wächst..." Die Schlamperei im Finalzustand des Realsozialismus wird zur Vorahnung der Apokalypse. Endzeit – und das schon auf den ersten beiden Seiten des Buches.