Von Heinz-Günter Kemmer

Als Gerhard Cromme, der Vorstandsvorsitzende von Krupp, im Oktober 1991 den Erwerb der Hoesch-Mehrheit verkündete, war er noch voller Zuversicht: „Ich kann mit großer Freude mitteilen, daß sich die Frage von Stilllegungen nicht stellt.“ Und als gemutmaßt wurde, die Fusion werde an die 10 000 Arbeitsplätze vernichten, legte Cromme nach: „Das ist völlig aus der Luft gegriffen.“

Nun sieht alles anders aus. Das Krupp-Hüttenwerk im Duisburger Ortsteil Rheinhausen wird geschlossen, und im neuformierten Krupp-Hoesch-Konzern werden insgesamt deutlich mehr als 10 000 Menschen ihre Arbeitsplätze verlieren. Aber das war nicht von vornherein Crammes böse Absicht. Im Oktober 1991 ahnte noch niemand, daß der Stahlindustrie die härteste Krise der Nachkriegszeit bevorstand.

Cromme, der aus den beiden Unternehmen einen schlagkräftigen Konzern zusammenbasteln wollte, ist vorerst vollauf mit Schadensbegrenzung beschäftigt, weil die Stahlverluste große Löcher in seine Konzernkasse reißen. Und mit den Maßnahmen, die die Vorstandsvorsitzenden von Krupp Stahl und Hoesch Stahl, Jürgen Harnisch und Hans Wilhelm Graßhoff, Ende Januar einer staunenden Öffentlichkeit vortrugen, war das Problem nicht zu lösen. Eine halbe Milliarde Mark Verlust werden die beiden Stahlunternehmen in diesem Jahr machen – zuviel, um durch Zusammenlegung von Aktivitäten und den Abbau von wenigen tausend Arbeitsplätzen wettgemacht zu werden. Aber da war gleichzeitig auch schon die Rede davon, daß „tiefe Schnitte“ notwendig seien. Und damit konnte nur die Stillegung der Stahlproduktion in Dortmund oder Rheinhausen gemeint sein.

Die Arbeitnehmervertreter jedenfalls begriffen das sofort und blockierten zunächst einmal die von der Konzernleitung geplante Zusammenlegung der Vorstände von Hoesch Stahl und Krupp Stahl. Bald darauf begann der fruchtlose Kampf um den Erhalt beider Standorte. Nach langem Rechnen und unzähligen Gesprächen hat sich die Waagschale nun zu Dortmunds Gunsten geneigt. In Rheinhausen dagegen wird voraussichtlich im Spätsommer der letzte Stahl geschmolzen.

Abzusehen war das keineswegs, denn Rheinhausen galt als der bessere Standort. Das Erz kann kostengünstig mit großen Schubkähnen auf dem Rhein herangeschippert werden, die eigene Kokerei liefert den Koks billiger als die Ruhrkohle, mit der die Hoesch-Hochöfen in Dortmund arbeiten müssen. Umgekehrt stehen die Walzstraßen in Dortmund – der in Rheinhausen produzierte Stahl hätte herangekarrt werden müssen. Aber so versorgt Krupp seit vielen Jahren seine Breitbandstraße in Bochum – ein unüberwindliches Hindernis ist das nicht.

Die Rechenkünstler kamen schließlich zu dem Ergebnis, daß die Kosten an beiden Standorten nicht sehr weit auseinanderliegen. Wenn die Ruhrkohle den Koks in Dortmund zu einem Preis liefert, der den Selbstkosten der Krupp-Kokerei in Rheinhausen entspricht, bleibt für das Werk am Rhein ein Kostenvorteil von jährlich fünf Millionen Mark. Dem stehen aber Sonderaufwendungen von 170 Millionen Mark gegenüber – erst vom Jahre 2000 an ergäbe sich ein Vorteil für Rheinhausen. Das gab letztlich wohl den Ausschlag – Krupp braucht das Geld jetzt und nicht erst im nächsten Jahrtausend, Liquidität geht vor Rentabilität.