Da kam einer im November 1989 nach Potsdam. Sah zerbröckelnde Fassaden, zerfressenen Stuck, morbide Klassik. War fasziniert von dem, was es hier noch gab – und entsetzt über den Verfall. Fuhr zurück nach Bremen und fragte seine Frau: Kannst du dir vorstellen, nach Potsdam zu gehen?

„Dieses friderizianische Haus in der Staab-Straße ist etwas so Einmaliges.“ Chris Steinbrecher beginnt zu schwärmen wie ein Junge, der den verloren geglaubten Schatz entdeckt. Der Galerist und Restaurator steht auf dem Kopfsteinpflaster, seine Augen tasten die wunde Fassade ab, die leeren Fensterhöhlen. In Gedanken füllt Steinbrecher die Räume: Galerie und Konzertsaal, vielleicht ein Café. Und oben im ersten Stock Wohnraum für die achtköpfige Familie. Und das alles in Potsdam, dem Städtchen vor den Toren Berlins, das doch unzweifelhaft irgendwann wieder ein Zentrum europäischer Kultur werden muß!

Als die Familie in Bremen über einen Umzug diskutierte, gab es in beiden deutschen Ländern nur eins: Aufbruchstimmung. Im Westen störte sich noch niemand am Trabigestank, im Osten hatte noch keiner Angst um sein Häuschen. Und noch wurde nirgends eine Rechnung geschrieben.

Für den Alt-68er war der Umbruch im Osten eine Chance für den eigenen Aufbruch. Seine Galerie in Bremen florierte. „Steinbrecher“ war eine anspruchsvolle Adresse in der Hansestadt; mit einem Konzept familiär und offen zugleich. Unten Vernissagen und Konzerte – oben Gelegenheit zum Plaudern bei Rotwein, Nüssen und Gummibärchen. „Im Grunde war der Punkt erreicht, wo wir uns hätten zurücklehnen können. Die nächsten zwanzig Jahre wär’s gelaufen.“

Steinbrecher reizte die Herausforderung, die es in der festgefahrenen Bremer Szene längst nicht mehr gab. Dazu dieses Haus in der Staab-Straße mit dem überglasten Nikolaisaal dahinter. Wenn da nicht bald was passierte, zerfräße der Schwamm die Wände und es wäre nichts mehr zu retten. Außerdem: Hatten sie nicht oft genug mit Freunden aus der DDR geträumt, über die Mauer zu fliegen? Sich immer um ausgereiste DDR-Künstler gekümmert? Die Steinbrechers wollten jetzt, wo die drüben den neuen Staat aufbauten, nicht von außen zusehen. Sondern mittenrein und dabeisein. Und vom Potsdamer Oberbürgermeister und der damaligen Kulturstadträtin hatten sie die Zusage, das verfallene Objekt kaufen zu können. „Kommt – wir brauchen solche wie euch!“ wurden sie begeistert eingeladen.

Von den Kindern allerdings blies ihnen der Wind ins Gesicht: Julia (16), Jennifer (15), Svena (14), Sarah (12), Christof (10) und Petra (8). Vier sind die eigenen, zwei adoptiert. Sie waren vom ersten Besuch in Potsdam entsetzt

„Das könnt ihr doch nicht mit uns machen!“ Das Grau in den Straßen, die unfreundliche Behandlung in den Wirtschaften, die mürrischen Gesichter überall. In diese olle DDR sollten sie?