Bisher war auf die musikalische Avantgarde noch immer Verlaß: auf ein paar leere Stuhlreihen bei Uraufführungen, auf die ewig gleichen, freudlosen Expertenrunden bei den einschlägigen Festivals und auf die Selbstverständlichkeit, mit der neuen Musik immer noch imstande ist, ein philharmonisches Abonnentenpublikum in die Flucht zu schlagen. An all das hatten wir uns gewöhnt und dabei so manches Ritual vermeintlicher Trostlosigkeit nach und nach richtig liebgewonnen. Wohl wissend, daß große Kunst nur im verborgenen gedeiht. Die zeitgenössische Musik war uns sozusagen ein letzter, gut eingezäunter, daher kaum behelligter Feuchtbiotop der Kunst. Damit aber wird es nun bald vorbei sein. Leider.

Hitparade heißt das Schreckenswort. Und es droht aus England. Warum nur immer England? Getroffen hat es den bis dahin eher unscheinbar und zurückgezogen arbeitenden polnischen Komponisten Henryk Górecki. Ein peinliches Malheur: Scheinbar aus heiterem Himmel ist seine dritte Symphonie, eine sentimentale Altlast aus dem Jahr 1976, in die Top ten der englischen Pop(!)-Charts geraten. Noch keinem lebenden Komponisten mit seriösem Kunstanspruch ist dieses Schicksal widerfahren. Fast zweihunderttausendmal soll die Compact Disc bereits verkauft worden sein. Eine goldene Schallplatte ist Görecki bereits überreicht worden. Grammys, Bambis und goldene Stimmgabeln könnten folgen. Ein Komponist der (ehemaligen) Avantgarde, der plötzlich von der Menge geliebt wird – ein Alptraum. Eine Art Super-GAU für die zeitgenössische Musik. Oder ein Signal für die Zukunft?

Górecki, der mit seinen frühen Werken immerhin noch im Kreise von Stockhausen und Boulez in Darmstadt zu hören war und sich in den siebziger Jahren dann auf einen mystizistisch raunenden Minimalismus zurückzog, hat mit seiner „Symphonie der traurigen Lieder“ ein Werk von erschlagender Schlichtheit geschrieben. Weihnachtlich anmutende Kantilenen erheben sich da über einem endlos, in Sekundschritten wogenden Orchesterklangteppich. Die Harmonik beschränkt sich über weite Strecken auf versöhnliche, kirchentonale Wendungen. Die Metren sind so getragen, als habe Görecki die Superzeitlupe für die Musik erfinden wollen. Nichts also, was der Rede wert wäre, zumal das Stück zunächst den Weg aller mäßigen zeitgenössischen Musik ging: Beim Festival in Royan wurde es uraufgeführt und dann kaum noch gespielt.

Nach einer Neuaufnahme mit der London Sinfonietta und der Sopranistin Dawn Upshaw im vergangenen Jahr hat sich dann plötzlich die britische Medienindustrie der sanften Klänge angenommen. Und das ging so: Das populäre, private Klassik-Radio Classic FM dudelte das Opus (Ausschnitte, versteht sich) so lange, bis die Hörer es in die hauseigenen Charts wählten. Aus denen wiederum werden in den Plattenläden kundenfreundliche Grabbeltische bestückt.

Mit den steigenden Verkaufszahlen und dem hohen Tremolo der Werbetexter wiederum („Zünden Sie Kerzen an und hören Sie zu!“) ließen sich andere Medien ködern... A star was born. Und wäre der kauzige Pole nicht ein scheuer, älterer Herr, der sich, irritiert von der ihn bestürmenden Öffentlichkeit, längst in seinem Komponierhäuschen bei Kattowitz verschanzt hätte – die Plattenindustrie würde sich nun, nach dem vollsynthetischen Punk-Geiger Nigel Kennedy, auch einen modernen Punk-Komponisten mit entsprechender Pop-Aura klonen. Eine wunderschöne Single-Auskoppelung aus dem 55-Minuten-Werk jedenfalls sei so gut wie beschlossene Sache, ist von den Marketingstrategen zu hören.

Da heißt es also gründlich umdenken in der zeitgenössischen Musik. Und so freuen wir uns schon, wenn wir irgendwann einmal auch Karlheinz Stockhausens Opernzyklus „Licht“ in einer Single-Version nach Hause tragen dürften und Wolfgang Rihm als Stapelware am Grabbeltisch bekämen. Henryk Górecki aber würde dann gemeinsam mit Phil Glass und Arvo Pärt in den römischen Caracallathermen auftreten.

Es wird ein unvergeßlicher Abend werden. Nie mehr wird bei Uraufführungen ein Stuhl frei bleiben. Wir zünden Kerzen an und hören zu.

Claus Spahn