Von Hans-Joachim Müller

Am Abgrund des Lebens. Wenige haben sich so weit vorgewagt. Dabei darf der Abgrund des Lebens als klassisches Traumziel gelten. Wo grüne Matten sich wunderbar weich anfühlen. Und der Berghang in der untergehenden Sonne milde errötet. Und der Abend mit der Zärtlichkeit einer Föhnwolke aufzieht. Dort, am Abgrund des Lebens, steht Mutter in knöchellanger Outdoor-Bekleidung. Und die Kinder im Gras geben zu keinerlei Beschwerden Anlaß. Und Vater sinnt ins schöne Land und sieht aus wie Fontane auf der Wanderung durch die Mark Brandenburg.

"Wir, die Realisten", schreibt Herr Bluth. Und: "Nun wollen die Realisten nicht länger am Katzentisch sitzen."

Weder Tisch noch Katze haben wir auf Manfred Bluths Gemälde "Am Abgrund des Lebens" (195 mal 260 Zentimeter, Öl auf Leinwand) entdeckt. Dafür einen Satyr. Oder ist es der büßende Hieronymus? Er hockt vor einer felsigen Höhle. Und der Maler sagt, es sei einfach nicht möglich, von einer Postmoderne auszugehen, in der die Realisten nicht vorkommen.

Martin-Gropius-Bau. Berlin-Mitte. Der abgedunkelte Saal mit der Türanschrift "Werden und Vergehen" ist unser Lieblingsraum geworden. Nirgendwo sonst haben wir auf der "1. Realismus-Triennale" so lange verweilen wollen. Und wenn uns auch die Wolkenfransung auf dem Bild "Das Meer" etwas übertrieben vorkam, so hat die C.-D.-Friedrich-Nachgeburt "Melancholie" einen rundum günstigen Eindruck gemacht. Innovativ, schreibt Herr Bluth, seien die Realisten durchaus gewesen.

Axel Gundrums "Raubtierbändigerin" hätte jedenfalls Otto Dix gefallen. Auf Michael Engelhardts Bild "Orpheus’ Leier" haben wir zu unserer stillen Freude einen Seestern entdeckt. Sein "Deutsches Requiem" bleibt uns verschlossen. Wie auch H.G. Tylles "Satzabbau bei senkrechter Lagerung" Steigerkenntnisse voraussetzt, die wir leider nicht besitzen. Petra, Gisela und Inka haben sich von Ellen van Ess nackt malen lassen, was wir grundsätzlich begrüßen. Zu bedenken wäre aber doch, ob der intensive Einsatz der Farbe Blau den zarten Körperpartien nicht etwas Gewalt antut und die Vorschrift "wirklichkeitsbezogener Darstellung" dabei allzu freizügig auslegt.

Im April 1990 ist in Berlin ein neuer Verein beim zuständigen Registeramt gemeldet worden. Der "Künstlersonderbund in Deutschland e.V. – Realismus der Gegenwart". Maler Bluth hat wertvolle Schaffensjahre seiner Gründung geopfert. Fast hätte er es auf zehn Dutzend Gleich- und Ähnlichgesinnte gebracht. Da hat Wolfgang Mattheuer, der Star der ehemaligen Ostmalerei, sein Realismuszertifikat wieder zurückgegeben. "Rätselhaftes Verhalten", tadelt der Animator der "Sezessionisten" und tritt halt mit 119 Sonderbündlern den ersten Leistungsbeweis an. Die Zeit sei reif. Wohin auch das gegenstandstreue Auge blicke, der Markt der Moderne biete nur Abstrusitäten. Beuys zum Beispiel, es muß einmal gesagt werden, ein durchaus umgänglicher Mensch, aber zuletzt doch größenwahnsinnig.