Von Marcia Pally

Was versprechen sich die Amerikaner von Präsident Clinton für die Kultur ihres Landes? Als ich mich an diesen Essay machte, ging mir auf, wie "europäisch" die Fragestellung ist. Sie nimmt an, das Weiße Haus nehme entscheidenden Einfluß auf die amerikanische Kunst. Aber das Land ist zu weit, die regionale Vielfalt zu groß, und staatliche Subventionsmittel fließen zu spärlich, als daß die Regierung viel ausrichten könnte. 1992 verfügte das National Endowment for the Arts (NEA) über ein Budget von 176 Millionen Dollar, 0,0001273 Prozent des Gesamthaushalts, weniger, als für Militärkapellen aufgewendet wurde. Kein anderes westliches Land gibt weniger Steuergelder für die Künste aus.

Kultur lebt in den USA weitgehend von privaten Spenden; dasselbe gilt für den "Kulturkrieg". Die vielen selbsternannten Moralhüter, die sogenannten watchdog-Organisationen, die wie die Schießhunde über die Künste und Medien wachen, werden ebenfalls privat finanziert, sei es die National Coalition on Television Violence oder Donald Wildmons American Family Association, Phyllis Schlaflys Eagle Forum oder die fundamentalistische Christian Coalition des Fernsehpredigers Pat Robertson. Im vergangenen November erreichten Vertreterinnen der feministischen Antipornographie-Bewegung PorNo die Schließung einer Kunst- und Videoausstellung von Betroffenen zu Arbeit und Leben der in der Sex-Industrie Beschäftigten. Die Ausstellungsgegnerinnen fühlten sich durch die "sexuelle Botschaft" der an der University of Michigan gezeigten Werke "bedroht". Auch in diesem Fall war keine Behörde im Spiel.

Es ist eben nicht so, daß Reagan und Bush dem Land ihr konservatives Kunstverständnis aufoktroyiert haben. Vielmehr war es Amerikas nationalistisches Abdriften nach rechts Ende der siebziger Jahre, das – in der Folge von Ölkrise, Rezession, den militärischen Schlappen in Vietnam und dem Iran – Reagans Wahl zum Präsidenten ermöglichte und zu einer wachsenden Inkriminierung von "dekadenter", "unpatriotischer" Kunst führte. Das ist der Regelfall in den USA: Es ist nicht die Regierung, die zum Sturm auf die Kunst oder zu ihrer Verteidigung bläst, sondern die Regierung tanzt nach der Pfeife der Nation und setzt höchstens hier und da ornamentale Akzente.

Fast alle Künstler, Veranstalter, Hochschullehrer und Kritiker, mit denen ich sprach, sahen Clintons Einfluß auf das NEA und die Bundesgerichte beschränkt. Man rechnet damit, daß er die bisherige Gängelungspraxis bei der Sachverständigenprüfung und Vergabe revidiert, also das NEA sich selbst überläßt und dadurch zu größerer Toleranz besonders gegenüber Frauen, Schwulen und experimentellen Künstlern beiträgt. In den oberen Etagen der großen Filmstudios allerdings herrscht eine pessimistische Stimmung. Larry Cohn, Filmredakteur bei dem Branchenblatt Variety: "Die Bosse bei Disney haben sofort Anteile abgestoßen, als Clinton die Wahl gewann. Sie fürchten einschneidende Änderungen der für die Fernsehgesellschaften geltenden Bestimmungen. Wenn Clinton den Networks freistellt, sämtliche Beiträge selbst zu produzieren, statt sie wie bisher zu einem bestimmten Prozentsatz bei den Filmgesellschaften einkaufen zu müssen, dann stehen den Filmstudios empfindliche Einbußen ins Haus."

In nicht gewinnorientierten Kunstkreisen läßt die Wahl Clintons per Umkehrschluß aufatmen: Der neue Präsident mag nicht Teil der Lösung sein, dafür ist er aber auch nicht das Problem. So schlimm wie bei Reagan und Bush, deren Kunstfeindlichkeit sich hemmend auf die nationale, regionale und private Förderung der Künste auswirkte, kann es bei Clinton nicht werden. Die Choreographin Wendy Taucher: "Es gab in den vergangenen acht Jahren weit weniger Engagements für Künstler. Alles, was außerhalb des Mainstreams lag, hatte kaum Chancen, zur Aufführung zu gelangen. Gut, wir haben eine Rezession; Clinton wird keine Subventionsmittel aufstocken, aber er wird wenigstens kein Bremsklotz sein."

Womit die Künste zur Randständigkeit verdammt bleiben – wie immer schon in den Vereinigten Staaten. "Es wird sich zeigen müssen", meint Marjorie Heins, Leiterin des Projekts Kunstzensur der Vereinigung für Bürgerrechte ACLU (American Civil Liberties Union), "ob der neue NEA-Vorsitz kontroverse Kunst gegen Angriffe von Jesse Helms, Donald Wildmon und ihresgleichen verteidigt. Wir haben es hier mit einem landesweiten Problem zu tun, mit der tiefverwurzelten amerikanischen Kunstfeindlichkeit." Ähnlich sieht es der Romancier John Irving: "Im Augenblick grassiert in Amerika die Zensurwut; wir wollen alles verbieten, was uns nicht paßt. Was uns als Zumutung erscheint, muß ausgemerzt werden. Die Künste sind hierzulande stärker von dieser Blindwütigkeit bedroht als durch den Mangel an Förderung."