Welch ein Abend! Um Liebe, Lust und Eifersucht, Mord und Totschlag brauchen wir uns überhaupt nicht zu kümmern, wir kennen ja das tragische Ende der Lady Macbeth. Wir wissen auch, daß der von Schostakowitsch drastisch komponierte Koitus immer für einen Lacher im Zuschauerraum gut ist. Drei Details jedoch, die der Regisseur Werner Schroeter streng ausgearbeitet und dramaturgisch präzise auf die Bühne gebracht hat, bescheren uns einen erschütternden Abend: die Gans, die Bahnarbeiter und der Eiserne Vorhang (der einst das Opernhaus vor dem völligen Abfackeln bewahrt hat). Unversehens wird so die Frankfurter Premiere zu einem spannenden Abend mit drei Fragen.

Wohin wird das Gleis führen, das die vier Männer mit fein verschmutztem, bloßem Oberkörper unentwegt am linken Rand der Bühne verlegen? Ihre muskulösen Arme schleppen drei Stunden lang und immer in Zeitlupe Gleise und Eisenbahnschwellen herbei und verschrauben sie. Meter für Meter schuften sich die Recken dem blauen Rundhorizont im fernen Bühnenhintergrund entgegen – und allmählich dämmert es uns: Dies ist der Weg des Lebens, an dem die vier Statisten – „mit freundlicher Unterstützung des Frankfurter Feldbahnmuseums“ (wie wir aus dem Programmheft erfahren) – bauen. Und wenn die Arbeit vollbracht ist, wird dort etwas Schreckliches geschehen.

Auf dem Rest der Bühne geschieht indes nichts Aufregendes: Katerina, die Leidenschaftliche, läßt sich von dem dahergelaufenen Arbeiter Sergej verführen, sie vergiftet ihren Schwiegervater und erwürgt ihren Mann. Neben seiner verwesenden Leiche im Keller feiert sie Hochzeit mit Sergej. Da wir jedoch die standardisierten Operngesten und -schritte der Sängerinnen und Sänger schon in unzähligen Aufführungen gesehen haben, da wir ein leeres Bett betrachten und ahnen, daß sich Katerina bald lüstern an seinem Gestell räkeln wird – da uns also die Menschen überhaupt nicht weiter interessieren, konzentrieren wir uns auf die zweite Frage des Abends: Was macht die rätselhafte „Sheila“, die Gans aus der Filmtierschule von Tatjana Zimek (Name und Herkunft verrät der Besetzungszettel)? Neugierig watschelt sie über die Bühne und tritt ab.

Dankbar klammern sich unsere Gedanken an dieses Tier – und schon erinnern wir uns, daß die rebellische Lady Macbeth von Mzensk ihr Unwesen auf dem Lande treibt, weil sie das eintönige Leben langweilt, weil der lüsterne Schwiegervater und der impotente Ehemann sie enttäuschen. Kein Wunder, daß das Ehebett leer bleibt und Katerina und Sergej sich auf dem Boden wälzen.

Die triste Abraumhalde, der wir drei Stunden lang gegenübersitzen, ist also bloß eine optische Täuschung. Eigentlich befinden wir uns auf einem Bauernhof mit Geflügel und Blumenrabatten. Und jetzt, der Gans sei Dank, verstehen wir auch, warum die Akteure, erhitzt vom Spiel der Leidenschaft, immer wieder an die schmucklosen Blechtonnen treten, die überall herumstehen: Sie sind in Wirklichkeit irdene Tröge. Das klare Quellwasser netzt die Lippen und kühlt die Stirn oder zerrinnt zwischen den Fingern. Man wird ganz traurig, wenn man sieht, wie traurig Katerina den Tropfen mit ihren Blicken folgt – ja, dies ist der Welten Lauf. Es wird Zeit, den Blick wieder nach links zu wenden.

Das Gleis ist wieder ein Stückchen länger geworden, das Ende naht. Jetzt, vor dem neunten und letzten Bild der Oper, hat Werner Schroeter seinen dritten Einfall: Rumpelnd und zur Warnung klingelnd, senkt sich der Eiserne Vorhang, und die dritte Frage drängt sich auf: Was wird nach der Verwandlung zu sehen sein? Das Bühnenbild von Alberte Barsacq ist wie zuvor, aber nun türmen sich am Ende des Gleises unzählige Totenköpfe. Schaurig! Hinter dem Eisernen Vorhang verbirgt sich die brutale Kälte Sibiriens.

Der Rest ist schnell erzählt: Der böse Sergej treibt es mit der Gefangenen Sonjetka neben den Totenköpfen und balanciert auf den Gleisen herum, die das Leben bedeuten. Katerina stürzt die Nebenbuhlerin in den Tod, läuft die Gleise nach vorne und fällt melodramatisch zu Boden. Auch sie – tot. Und die anderen Gefangenen ziehen weiter.