Von Mario Müller

Wenn Manfred Mustermann eine Rechnung zu begleichen hat, greift er zu seinem Telephon-Computer. Nach ein paar Eingaben auf der Tastatur meldet das Display, daß das Geld von seinem Konto abgebucht und überwiesen ist. Die Geschäftsstelle einer Bank hat Mustermann schon lange nicht mehr betreten, geschweige denn mit einem Angestellten gesprochen. Vor einigen Monaten war die letzte noch mit Personal besetzte Filiale am Ort geschlossen worden. Das wenige Bargeld, das er für kleinere Einkäufe braucht, zieht sich Mustermann aus dem Automaten im Supermarkt.

Die schöne neue Finanzwelt ist keine Utopie. Im Geschäft mit Geld und Zinsen kündigt sich ein radikaler Wandel an. Nach Jahren rasanten Wachstums und klotziger Gewinne schwenken die Banken auf Sparkurs um. Arbeitsplätze werden abgebaut, Zentralen und Filialnetze gestrafft. "Lean Banking" lautet die Parole, von der sich die Branche erhebliche Rationalisierungsvorteile verspricht. Die "schlanke Bank" fordert nicht nur die Beschäftigten. Auch die Kunden sollen sich umstellen. Sie werden in Klassen eingeteilt und noch mehr als bisher von Maschinen bedient.

Der "Kreuzzug für niedrigere Kosten", zu dem Hilmar Kopper, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, das Kreditgewerbe aufruft, ist nicht der erste seiner Art. Anfang der achtziger Jahre fielen vor allem Arbeitsplätze im Zahlungsverkehr dem Rotstift zum Opfer. Da die Geldkonzerne ihre Geschäfte im folgenden Wirtschaftsboom aber auch international kräftig ausweiteten und unter dem Schlagwort "Allfinanz" in zusätzliche Betätigungsfelder wie etwa den Versicherungsmarkt vordrangen, nahm die Zahl der Beschäftigten insgesamt trotzdem zu (siehe Graphik/Tabelle). Der Fall der Mauer sorgte für einen weiteren enormen Stellenschub bei den westdeutschen Banken. In den neuen Bundesländern stehen mehr als sechzigtausend Frauen und Männer auf ihren Gehaltslisten.

Doch nun sind die Grenzen des Wachstums erreicht. Ihre Ausflüge auf das internationale Parkett haben viele Banken teuer bezahlen müssen. Ähnliches gilt für das Wertpapiergeschäft, das in der Hoffnung auf schnelle Gewinne allenthalben stark ausgebaut worden war und spätestens seit den diversen Börsencrashs weltweit überbesetzt ist. Auch auf seinen Stammärkten muß das deutsche Kreditgewerbe Federn lassen. Die traditionellen Geldhäuser sehen sich dem wachsenden Druck branchenfremder Unternehmen ausgesetzt. Bei Krediten zum Kauf von Pkw sind sie von den Autoherstellern mit erheblich günstigeren Konditionen längst abgehängt worden. Handelskonzerne wie Kaufhof oder Quelle verkaufen neben Socken inzwischen über Banktöchter auch Sparbriefe. Lebensversicherungen konnten einen wachsenden Teil der privaten Geldvermögensströme auf ihre Kosten umleiten.

Die größte Gefahr droht der Branche allerdings von ihren eigenen Privatkunden. Sie geben sich nicht mehr mit minimal verzinsten Sparbüchern zufrieden, sondern verlangen rentierlichere Anlagen und einen besseren Service. Mit dem Verlust billiger Spareinlagen versiegt, so die Beratungsgesellschaft McKinsey, eine "bisher dominierende Ertragsquelle", gleichzeitig steigen aber durch die qualifiziertere Bedienung die Kosten. "Die deutschen Banken stehen vor einer Jahrhundertherausforderung", schreibt McKinsey.

Die Botschaft ist angekommen. Es dürfe "keine Tabus" geben, verkündet Kreuzritter Kopper. Gut 1000 ihrer rund 52 000 inländischen Arbeitsplätze hat die Deutsche Bank bereits abgebaut. Er "wäre nicht überrascht, wenn sich dieser Prozeß in den nächsten Jahren fortsetzt". Dieter Schader vom Deutschen Bankangestellten-Verband in Düsseldorf ist mit seiner Prognose weniger zurückhaltend. Er befürchtet, daß der Branchenprimus allein in Westdeutschland mehr als 7000 Stellen streicht. Ähnlich tiefe Einschnitte erlebten zuletzt nur erheblich angeschlagene Geldhäuser wie die BfG-Bank, bei der von einstmals 7500 Leuten fast jeder dritte gehen mußte, oder die DG Bank, die mindestens 800 Arbeitsplätze kappt.