Von Antonella Romeo

Rechtsanwalt Roberto Mongini, 47, ist katholisch erzogen und geht jeden Sonntag in die Kirche. Montags moderiert er eine Talk-Show namens "Gli impuniti" – "Die Ungestraften". Themen: Korruption, Mißwirtschaft und Verfall in Italien.

Wer seine Vorgeschichte nicht kennt, könnte Mongini leicht für einen sehr moralischen Menschen halten. Aber er kennt das Mailänder Gefängnis San Vittore von innen – nicht, weil er dort für eine Fernsehsendung recherchiert hat.

Mongini war früher Vorsitzender der Democrazia Cristiana (DC) von Mailand. Die machte ihn zum Vizepräsidenten bei der SEA – der Gesellschaft, die den Mailänder Flughafen Linate betreibt. Auf diesem Posten sollte Mongini hauptsächlich Wählerstimmen und Geld für die Partei beschaffen. So ließ er jährlich mindestens hundert neue "zuverlässige" Angestellte einstellen, die unter die 4000 Arbeiter der Gesellschaft gemischt wurden. Aus Dankbarkeit für den Job gaben sie der DC ihre Stimme. "Wer politische Macht besitzt, spielt mit Neueinstellungen", erklärt Mongini. "Die SEA war eher eine Art Sammelbecken für Wählerstimmen als ein Wirtschaftsunternehmen." Jede Neueinstellung brachte im Schnitt drei Stimmen, weil auch Familienmitglieder auf die DC verpflichtet wurden.

Präsident des Flughafens Linate war ein Mitglied der Sozialistischen Partei (PSI), Giovanni Manzi, der gleichfalls Stimmvieh einstellte. Zudem kassierte er Bestechungsgelder von Unternehmern, die Aufträge vom Flughafen bekamen. Einen Teil überließ er seinem Vize Mongini, der das Geld an seine Partei weiterreichte.

Mongini wurde im Juni vergangenen Jahres verhaftet, während Kollege Manzi gerade von seinem Flughafen aus nach Santo Domingo flog. Dort verbrachte er, Hummer schlemmend, sieben Monate im Exil. Mongini aber wurde zu einem der wertvollsten Kronzeugen für die Mailänder Staatsanwälte.

Italien hat den Kampf gegen Filz und Betrug aufgenommen. Die Aktion "Mani pulite" ("Saubere Hände") läuft seit einem Jahr in mehr als vierzig Provinzen des Land Fast täglich kommen neue Skandale ans Licht. Verwickelt sind Regierung, Parteien, Wirtschaft und fast alle wichtigen Institutionen. Italien steckt in seiner größten Krise, weil sich "die Führungsschicht den Staat einverleibt hat", so Eugenio Scalfari, Chefredakteur der Tageszeitung La Repubblica. Verlierer der Politik des Geldsammelns waren Demokratie und Wirtschaft. Die italienische Republik ist am Ende.