Von Chikako Yamamoto und Georg Blume

Die Schülerin Ryoko Ishida, 15, kam zu spät. Um 8.30 Uhr erreichte sie das Tor der Takasuka-Schule in der japanischen Hafenstadt Kobe. Eben warf, wie jeden Tag um diese Zeit, der Lehrer Toshihiko Hosoi, 39, das rollende Stahlgitter des Schultors ins Schloß. Wer es nicht rechtzeitig schafft, aufs Schulgelände zu gelangen, muß im Schulhof einige Runden drehen und wird womöglich vom Lehrer vor der Klasse bloßgestellt. Deswegen versuchte Ryoko Ishida noch durch das sich schließende Tor zu schlüpfen. Zu spät. Das schwere Tor schlug ihr gegen den Kopf. Sie stürzte. Andere Schüler, die sich ebenfalls verspätet hatten, stiegen über die Schwerverletzte hinweg. Ryoko wurde ins Krankenhaus geschafft, doch die Hilfe kam zu spät.

Der Tod der Schülerin erregte in Japan nur kurz Aufsehen. "Wenn alle pünktlich kämen, wäre das nicht passiert", meinte der Schuldirektor am nächsten Morgen. Der Täter wurde zwar vom Dienst suspendiert, muß sich aber nur wegen eines "Arbeitsunfalls" vor Gericht verantworten. Heute erinnert noch ein kleiner Blumenkranz am Schultor an das Schicksal des Mädchens.

Ryokos unglücklicher Tod zeigt die Kehrseite eines Bildungssystems, das von Experten in aller Welt für seine Effizienz gelobt wird. "Japan ist Weltspitze, was die Zahl der Schulabsolventen betrifft. Die Teilnahme am Unterricht liegt bei den Schülern viel höher als in Amerika", urteilt Harvard-Professor Ezra Vogel. Tatsächlich schließen über neunzig Prozent eines Jahrgangs die zwölfjährige Schulausbildung ab. Japanische Schüler besuchen die Schule täglich länger und 33 Tage öfter im Jahr als deutsche.

Der hohe allgemeine Bildungsstand der Japaner hat auch den neugewählten amerikanischen Präsidenten Bill Clinton fasziniert: "Japan hat besser als wir vermocht, sich hochausgebildete Arbeitskräfte zu erhalten, und zwar nicht nur unter Universitätsabgängern, sondern von unten bis oben in allen Schichten", sagte Clinton wenige Wochen vor seinem Wahlsieg. Schon 1989 hatte die japanische Regierung die USA ohne falsche Bescheidenheit aufgefordert, das amerikanische Schulsystem nach japanischem Muster zu verbessern. Nur so könne Amerika Japans wirtschaftlichen Vorsprung aufholen.

Dieser Stolz auf das eigene Bildungssystem ist in Japan überall spürbar. Sauber und ordentlich tragen Millionen Schüler und Schülerinnen ihre dunkelblauen Uniformen tagtäglich in das Klassenzimmer, das sie gemeinsam saubermachen. Niemand erwartet, daß ein Kind die Schule aus eigener Kraft meistert. Auch die meisten Mütter sind gefragt. Sie versorgen ihre Lieblinge nicht nur mit dem Pausenbrot, sondern treffen auch alle nur denkbare Vorkehr fürs Lernen: Sie organisieren die inzwischen schon obligatorische Paukschule für den Nachmittag und das ruhige Studierzimmer für den Abend. Kyoiku-mama, Erziehungsmutter, nennt sich dieser Hauptberuf.

Die Schulbegeisterung reicht so weit, daß ein Baseball-Turnier für Oberschüler Jahr für Jahr als Japans größtes Medienereignis gefeiert wird. "Peinlich" finden es dann die politischen Veteranen der Tageszeitung Asahi, daß ihr Blatt zwei Wochen lang nur über Schülerschicksale, Müttertränen und Lehrerschelte berichtet.